BRUNO DUMONT: DIE FEINE GESELLSCHAFT

Wie pittoresk ist doch dieser Anblick, ergeht sich Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi) in euphorischen Schwärmereien über die nordfranzösische Küste und ihre Bewohner: arme Muschelsammler und Fischer, die für solche Exaltiertheit nicht einmal ein müdes Lächeln übrig haben. Bruno Dumonts neuer Film, der im vergangenen Mai auf dem Filmfestival von Cannes seine Premiere feierte, sieht von Zeit zu Zeit aus wie ein Gemälde. Eines, in dem die Landschaften in hellen Farben und kräftigen Strichen hingeworfen sind, hoch kontrastiert, entsättigt, sturmgebeugt. In dem die Frauen die weißen Spitzenkleider der Belle Époque tragen und die Männer sich beim Strandsegeln gefütterte Ledermützen und kreisrunde Rennfahrerbrillen auf den Kopf setzen.

© Memento Films
© Memento Films

Die feine Gesellschaft trägt zweifellos eine gewisse Eleganz zur Schau, nur aufrecht erhalten will er sie nicht. Denn so sehr die Herrschaften versuchen ihre Körper in edle Stoffe zu hüllen, ihre Diesseitigkeit hinter sozialen Gepflogenheiten und poetischem Gerede vergessen zu machen, so sehr drängen sich ihre Körper in den Vordergrund. Unentwegt stolpern und fallen sie über die eigenen Füße. Und ein besonders dicker Kommissar (Didier Desprès) lässt seinen massigen Körper absichtlich die Dünen herab rollen, weil der Abstieg zu Fuß zu anstrengend wäre. Unten angekommen steht sein Partner (Cyril Rigaux) bereit, der Laurel zu seinem Hardy, um den ächzenden, knarzenden Leib wieder aufzurichten.

Bruno Dumont war über Jahre hinweg die personifizierte Ernsthaftigkeit im französischen Autorenkino. Ein willkommenes Gegengewicht zu all den gefälligen Komödien, die jeden Monat die Kinos überschwemmen und ihr leutseliges Publikum durch Rückgriffe auf die kleinsten gemeinsamen Nenner generieren. Und nun, drei Jahre nach dem kargen Tränendrama Camille Claudel 1915, inszeniert Dumont selbst eine Komödie. Isabelle und ihre Familie – der Patriarch André (Fabrice Luchini), zwei Töchter und die genderfluide Nichte Billie (Raph) und später auch Andrés Schwester Aude (Juliette Binoche) – verbringen Jahr für Jahr ihre Ferien in einer Villa an der Küste, die inzwischen ein Schauplatz des Verbrechens ist. Immer wieder verschwinden dort Touristen spurlos. Dumont ist nicht an Suspense interessiert, an Mysterien und Whodunit. Ohne viel Federlesen entlarvt er die Muschelsammlerfamilie Brufort beiläufig als die Täter. Mehr noch: als Kannibalen. „Will noch jemand Fuß?“

© Memento Films
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So setzt sich innerhalb kürzester Zeit das Sittengemälde zusammen, das es für zwei Stunden zu betrachten gilt. Manchmal wirkt Die feine Gesellschaft dann wie ein einziger Running Gag, in dem kaum noch Entwicklung vonstatten geht, nur noch Herumgereite auf den immer gleichen Prinzipien. Wie gut, dass die Laurel und Hardy-Verschnitte weiter durch das Bildnis wandern. Wie wir Zuschauer befinden sie sich außerhalb des sozialen Gefüges. In letzter Konsequenz profitieren sie von der gegenseitigen Ausbeutung der Klassen, natürlich. Aber so wie Dumont sie anlegt, steht eher ihre Kommentarfunktion im Vordergrund. Sie sind die Einzigen, die sich wirklich zu wundern scheinen: über Billie, die mal als Mädchen und dann wieder als Junge durch die Bucht spaziert. Über Figuren, die plötzlich buchstäblich die Bodenhaftung verlieren. Über Nudistinnen am Strand, das manierierte Gehabe der feinen Leute. Um sich dann doch mit einem Kopfschütteln und Achselzucken umzudrehen und ihrer Wege zu gehen. Sie sind es – und andere kleine innerfilmische Störungen (Musik ist immer wieder leicht verzerrt aus dem Hintergrund zu hören, so als hätte jemand am Set nur einen laufenden Plattenspieler neben die Kamera gestellt) – die dafür sorgen, dass Die feine Gesellschaft in seiner hübsch possierlichen Parabelhaftigkeit nicht völlig einlullt, zum Abschalten und Dahinfließen einlädt. Dass er als Komödie – oder vielleicht eher als spöttische Slapstick-Farce – umso mehr einen Kontrapunkt zum Mainstream-Ausstoß französischer Kinoproduktion setzt.

Kinostart: 26. Januar 2017

2 Comments

  • Frank
    2 Monaten ago

    Absoluter Müll, schade um das Geld. Das schönste an diesem Machwerk: der Abspann, wenn man endlich gehen kann.

    • katrindoerksen
      2 Monaten ago

      Oh, was hat Dich an dem Film denn so geärgert?

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