PABLO LARRAÍN: JACKIE

Das Kleid, das Jackie Kennedy am 22. November 1963 trug, wird von den National Archives an einem geheimen Ort verwahrt, die Temperatur und Luftfeuchtigkeit vierundzwanzig Stunden am Tag geregelt. Frühestens im Jahr 2103 darf es der Öffentlichkeit vorgeführt werden, das hat Caroline Kennedy so verfügt. ‚It would produce hysteria if it were placed on view,‘ so erklärt die Kostüm-Kuratorin des Museums of the City of New York diese Entscheidung.

© Tobis
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Ein erdbeerrosa Zweireiher aus Bouclé-Garn von Chanel mit navyblauem Kragen. Dazu Seidenstrümpfe, weiße Handschuhe und ein passender Pillbox-Hut. JFKs Blut klebt noch daran. Das Kleid ist zu einer Ikone geworden, Symbol für ein Trauma im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Nation. Die bittere Voraussetzung dafür hat Lee Harvey Oswald geschaffen, das Ausmaß hat Jackie Kennedy festgelegt. „Let them see, what they’ve done,“ antwortete sie, als man ihr nahelegte sich umzuziehen. Sie trug das Kleid zur Vereidigung Lyndon B. Johnsons und auch noch auf dem Rückweg nach Washington D.C.

Pablo Larraín widmet seinen Film vor allem dieser Ikone, bei der das Innere vom Äußeren nicht zu trennen ist. In einer der intensivsten Szenen streift sich die ehemalige First Lady (Natalie Portman) abends im Weißen Haus endlich das vermaledeite Kleid ab, das sie zuvor stoisch wie eine Uniform getragen hatte. Mit spitzen Fingern hält sie den Rock von sich weg, die blutverkrusteten Strümpfe – und alle Contenance fällt mit einem Mal von ihr ab. Zeitgleich mit ihrem seidenschwarzen Unterkleid wird sichtbar, dass Jackie nicht nur wegen seiner Hauptdarstellerin aus der derzeitigen Masse an Biopics heraussticht, sondern auch, weil Pablo Larraín nicht an der chronologischen Nacherzählung eines Lebens, eines historischen Ereignisses interessiert ist (mit Neruda bringt er demnächst übrigens noch einen weiteren Film über den gleichnamigen chilenischen Schriftsteller in die Kinos). Jackie ist eine bruchstückhafte Annäherung, filmgewordene Trauma- und Trauerarbeit, alle kreiselnden Ringe zusammengehalten durch die unwiderstehliche Anziehungskraft des Planeten namens Jackie Kennedy.

© Tobis
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Die zierliche Ballerinafigur Natalie Portmans kommt dem Film gerade recht. Verschwindend klein steht sie in ihrem rosa Kostüm zwischen den Lösungen suchenden Strategen des Weißen Hauses, neben Politikern, die ihre Chance wittern und der Familie, die Schadensbegrenzung betreibt. Robert Kennedy (Peter Sarsgaard) verbietet ihr mit der Presse zu reden. Dass das ausführliche Interview mit einem Reporter (Billy Crudup) Jackie einleitet, lässt sie ganz beiläufig als Siegerin aus diesem Machtkampf hervorgehen. Rahmenhandlungen erscheinen in vielen Filmen eher als Ballast denn als Bereicherung, Pablo Larraín bekommt auf diese Art aber tatsächlich den unausgesprochenen Pakt zwischen Medien und Prominenz zu fassen, der sich in den frühen Sechziger Jahren durch die rapide Entwicklung der Übertragungstechnik und selbstverständliche Präsenz der Fernsehgeräte in jedem Haushalt noch einmal festigt. Die zierliche Frau im rosa Kostüm gibt den Medien ihre Daseinsberechtigung – und die Medien machen sie zur Ikone.

Dieses Thema zieht sich auch durch Jackie, wenn Pablo Larraín die TV-Aufnahmen rekonstruiert, in denen die Präsidentengattin im Februar 1962 erstmals das Volk durch das frisch renovierte Weiße Haus führte. Sie bilden das Herzstück des Biopics, auch was den Aufwand hinter den Kulissen betrifft. Gleich zwei Kostüme wurden für die entsprechenden Szenen angefertigt – Eines im Original-Rotton für die Farbaufnahmen. Eines mit der exakten Graustufe für die Reenactments in Schwarzweiß. Eine Frau ist da zu sehen, die sich ihrer öffentlichen Wirkung absolut bewusst ist, die ihr kühl strategisches Denken deswegen vor laufenden Kameras hinter einem servilen Lächeln zu verbergen weiß. Als erste First Lady sortierte sie im Weißen Haus keine alten Möbelstücke aus, sondern verwandelte das Gebäude vielmehr in eine Art Museum US-amerikanischer Geschichte, glänzte mit Wissen über die einzelnen Antiqitäten. „Ich habe mehr gelesen, als man annimmt“, lässt Larraín sie einmal zu dem Reporter sagen. Und später, als sie sich die ungefähr fünfte Zigarette ansteckt: „Ich rauche nicht“. Die Öffentlichkeit und der Journalist, ihre Kinder, ihr Schwager, die Vertraute (Greta Gerwig), ein Priester (John Hurt): sie alle bekommen in Jackie jeweils nur eine sorgfältig ausgewählte Facette dieser Frau zu sehen. Pablo Larraín bemüht sich nicht um ihre exakte Version der Ereignisse. Auch nicht darum, einen vermeintlich wahren Kern ihrer Persönlichkeit freizulegen. Es geht ihm um die verschiedenen Perspektiven auf sie, die Bilder, die die Ikone begründen. Weil ihre Sicherheit und die der Kinder gefährdet scheint, kann Jackie Kennedy ihren eigentlichen Plan nicht umsetzen, bei der Parade zur Beerdigung ihres Mannes ungeschützt die Straße entlang zu laufen und nimmt stattdessen in einer schwarzen Limousine Platz. Larraín filmt sie durch die Fensterscheibe, den Blick der sich darin spiegelnden Massen zurückwerfend. Dass erst eine Tragödie die Bilder produzierte, die diese Ikone wirklich unsterblich werden ließen, ist die Ironie der Geschichte.

Kinostart: 26. Januar 2017

1 Comment

  • 4 Wochen ago

    Auf diesen Film bin ich sehr gespannt und das nicht nur, weil Ms. Portman Jackie spielt. Deine Ausführungen klingen zumindest schon einmal positiv.

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