OLIVIER ASSAYAS: PERSONAL SHOPPER

Es ist Maureen (Kristen Stewart) strikt untersagt die Kleider anzuprobieren, die sie für ihre Chefin kauft. Das Starmodel Kyra (Nora von Waldstätten) hat da ganz klare Vorstellungen. Es scheint im ersten Moment wie eine plakative Kontrastierung, dass Olivier Assayas seinen neuen Film Personal Shopper, eine Geistergeschichte, ausgerechnet in der Welt der Mode spielen lässt, die wie kaum eine Andere dem Materialismus frönt, den stofflich manifestierten Objekten der Begierde. Aber der Film deutet dann doch an, dass Mode und Geist sich näher stehen als vermutet. Da ist die mediale, die kommunikative Beschaffenheit von Kleidung. Eine Idee, eine Identität, die man an- und ablegen kann. Die Ikonizität, die ein Körper in der richtigen Hülle erreichen kann. Die Wärme, die ein menschlicher Körper noch für eine kleine Weile am Stoff hinterlässt, wenn dieser von den Schultern rutscht. Die Spuren der vorherigen Trägerin, die das Gefühl von Einzigartigkeit stören, wenn man nicht die Erste war, die ein Kleid getragen hat.

© Weltkino
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Wenn Maureen dann doch so ein Kleid überstreift, einen Stiefel anprobiert, scheint sie sich erst in diesen Augenblicken im Hier und Jetzt zu manifestieren. Es ist der Genuss des Verbotenen, das Entweihen gewissermaßen von Kleidungsstücken, die den Weisungen ihrer Vorgesetzten entsprechend im Zustand des Neuen, Originellen, Unberührten zu erhalten sind. Abseits dieser heiligen Momente scheint Maureen beinahe selbst eine geisterhafte Gestalt. In Paris hält sie sich, die neben ihrer illustren Beschäftigung als persönlicher Einkäuferin auch als Medium arbeitet, ihres toten Zwillingsbruders wegen auf, der am selben Herzfehler litt wie sie selbst. Die Geschwister hatten einen Pakt geschlossen: wer immer zuerst stirbt, schickt dem Anderen ein Zeichen aus dem Jenseits.

Zu Beginn von Personal Shopper befindet sich die Kamera hinter einem rostigen Tor. Kristen Stewart läuft darauf zu, schließt es auf, knarzend öffnen sich die Türen. Im Nachhinein wirkt diese Eingangsszene wie eine Ankündigung: oft hält Olivier Assayas sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten auf – zeigt seine Schauspielerin auf ihren verschlungenen Wegen durch die Stadt. Auf dem Motorroller, auf dem Flughafen, im Zug, im Taxi, unterwegs Getränke kaufend, Cola, Bier, Kaffee. Das ist ein völlig anderes Durchmessen eines Raumes als in dem dunklen Haus hinter dem Tor aus der Anfangsszene, in dem Maureen den Geist ihres Bruders vermutet. Dort bewegt sie sich tastend Schritt für Schritt voran, schaut sich um, alle Wahrnehmungssinne aufs Genauste geschärft. Zitternd vor Angst, aber ganz präsent an Ort und Stelle. Auf den Straßen scheint sie ein anderes Wesen. Auch hier folgt ihr die Kamera auf Schritt und Tritt, doch läuft sie gehetzt und getrieben von A nach B, denkt voraus oder zurück, ihr Inneres nie an Ort und Stelle ihres Körpers.

© Weltkino
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Was auch daran liegen mag, dass Maureen immer wieder die Textnachrichten einer ihr unbekannten Person erhält. Olivier Assayas lässt schon früh erahnen, wer diese Person ist, entscheidet sich aber doch gegen die klar formulierte Eindeutigkeit. Selten ist es einem Regisseur bisher gelungen, die Beschaffenheit der sozialen Medien derart selbstverständlich in einen Film einzubetten. Mithilfe rasch hintereinander aufploppender Push-Mitteilungen schafft er einen Suspense, wie man ihn auch von einem Hitchcock der Jetztzeit erwarten würde. Und noch etwas ist Olivier Assayas gelungen: der schmale Balance-Akt, der eine aufmerksam beobachtende Haltung davon abhält in ausbeuterischen Voyeurismus zu verfallen. In Maureens privatesten Momenten weiß die Kamera, wann sie sich zurückziehen muss. Wenn sie nackt ist, dann ist sie das nicht auf eine sexualisierte Art und Weise, bei der der Geifer dem Filmemacher von den Lefzen tropft. Stewarts Figur in Personal Shopper könnte kaum weiter davon entfernt sein, frei ihre Sexualität auszuleben. Sie zieht sich aus, weil die Nacktheit notwendig ist, um in einen anderen Bewusstseinszustand zu gelangen. Sprich: sich umzuziehen. Die um sie herum mäandernde Kamera manifestiert dabei nur Maureens eigenes Gefühl, ein Objekt unter Beobachtung zu sein. Kyras Präsenz, die bedrohlich über ihr schwebt. Der Unbekannte, mit dem sie das Spiel manchmal zaghaft umzudrehen beginnt. Der Bruder, auf den sie noch immer hofft.

Kinostart: 19. Januar 2017

2 Comments

  • 6 Monaten ago

    Hach, ich muss den Film unbedingt sehen. Spätestens nachdem ich letztens den Trailer noch einmal im Kino gehen habe, bleibt mir da nichts anderes übrig.

    • katrindoerksen
      6 Monaten ago

      Mach das unbedingt. Er gefällt ja nicht allen, aber eine spannende Seherfahrung im Hinblick auf seine Stilmittel ist er so oder so. Und, mittlerweile La La Land gesehen?

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