DAMIEN CHAZELLE: LA LA LAND

Der Himmel über Los Angeles hat es wieder ins Kino geschafft. Letztes Jahr gab sein abendliches Leuchten dem iPhone-Film Tangerine L.A. von Sean Baker seinen Namen. In Damien Chazelles Musical La La Land bildet er den Hintergrund zuerst einmal für die Kapitelüberschriften: Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Es ist immer das gleiche strahlende Blau, abgelöst nur vom pastellenen Glühen in den späten Abend- und frühen Morgenstunden. Er ist eines der großen Versprechen von Hollywood, das eine Gruppe schöner Menschen im Stau auf dem Freeway auch direkt in die erste Performance des Musicals verwandeln: „It’s another day of sun“, heißt es da, es werden Autodächer bestiegen und die Kamera tanzt mit, in einer rauschhaften minutenlangen Plansequenz.

© Studiocanal GmbH Filmverleih
Still aus La La Land © Studiocanal GmbH Filmverleih

Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) sind noch nicht dabei, der Text des Liedes führt aber im Grunde schon ihre Geschichte ein. Die alte Geschichte von den jungen Menschen, die eines Tages in die Stadt kommen, mit kleinem Gepäck und großen Hoffnungen, um es zu schaffen. Sie Schauspielerin, er Jazzpianist. Ihre Romanze führt La La Land zu den nostalgischsten Orten der Stadt: ins inzwischen längst geschlossene und zur Verkaufsfläche für die Modekette Urban Outfitters umfunktionierte Rialto-Kino in South Pasadena, zum Planetarium aus Rebel without a cause. Seine Figuren trauern alten Zeiten nach. Und überhaupt die Form: eine Hommage an die großen Studioproduktionen, die glamourösen Musicals, Gene Kelly, Fred Astaire, Ginger Rogers. In La La Land ist Zeit nicht etwas, das streng chronologisch auf einem Zeitstrahl abläuft; Damien Chazelle greift selbst immer wieder gern auf erzählerische Schleifen zurück. Als John Legend aber in seiner Rolle des musikalischen Opportunisten im letzten Drittel des Films seine große Rede gegen den Traditionalismus hält, weiß man trotzdem kaum so recht, wo man in La La Land eigentlich auch das Moderne finden soll.

Zum Teil vielleicht in der Diversität der Nebenfiguren; in La La Land tanzen tatsächlich nicht nur alle Farben, sondern auch alle Formen miteinander. Erfreulich, in der Tat, aber falls das schon alles sein sollte, auch ein bisschen schade. Sicher ist jedenfalls, dass Damien Chazelle mit der Rückbesinnung auf das Vergangene einen aktuellen Trend bedient. Vinyl wird verkauft wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Erst letzte Woche verkündete Kodak, den 2012 eingestellten Ektachrome zu reanimieren, eine Entwicklung, die auch dank Filmemachern wie Chazelle möglich ist, die hartnäckig weiter Filmmaterial vorziehen. La La Land selbst wurde so gedreht.

© Studiocanal GmbH Filmverleih
Still aus La La Land © Studiocanal GmbH Filmverleih

Noch etwas scheint geradezu altmodisch: Träume von einem besseren Leben, Eskapismus, Glamour, wenn auch stets mit melancholischer Note. Noch mehr: sich erfüllende Träume. Selbst in den Verzweiflungsmomenten der Figuren strahlt der blaue Himmel weiter, in farbiges Licht gegossenes Symbol ewiger Zuversicht. Es gibt wenige neue Filme, die diese naive Sehnsucht so radikal bedienen. Sie könnten an kaum einem passenderen Ort entstehen als in Kalifornien, eine der großen oppositionelle Bastionen in der Ära Trump. ‚Durchhaltefilm‘, in verdrehter Logik drängt sich dieser Begriff für La La Land auf.

Die Jazz-Skeptikerin Mia wird zu Anfang der Beziehung von Sebastian in ein Lokal mitgenommen, er will sie bekehren. Man müsse den Jazz sehen, um ihn wertschätzen zu können. Man müsse die Musiker sehen, die sich die Seele aus dem Leib improvisieren, so schmettert er ihre Fahrstuhlmusik-Einwände ab. Schon in seinem gefeierten Debüt Whiplash hat Damien Chazelle bewiesen, dass er Musik inszenieren kann wie kaum ein Zweiter (Fans werden sich im Übrigen über die kurze Cameo eines übellaunigen J.K. Simmons freuen) und in La La Land lässt er wieder alle Augen übergehen. Die von Mandy Moore choreografierten Tänze, eingefangen von einer dynamischen Kamera, die selbst zu tanzen scheint, während einer Party Pirouetten im Swimmingpool dreht. Die Kleider von Mia und ihren Freundinnen in intensiven Primärfarben, als hätte sich das Leuchten des Technicolorverfahrens in seine Einzelteile zerlegt. Später werden die Kostüme elaborierter, die Röcke voluminöser, lassen farbliche Zwischentöne zu, im Finale schließlich auch schwarz und weiß. Es ist ein bisschen wie mit dem Jazz, den man sehen muss. Man kann durchaus warten, bis La La Land für den Heimkinomarkt erschlossen ist, man kann ihn sogar im Stream auf dem Smartphonebildschirm sehen. Aber spätestens dann wird man wieder ans Kino glauben wollen. Man wird sich gern auf den Weg machen, das Ticket bezahlen und das Rattern des Projektors ersehnen. Ob aus Nostalgie oder nicht, man wird das Kino wieder zu schätzen wissen.

Kinostart: 12. Januar 2017

2 Comments

  • 7 Monaten ago

    Schön gelobhudelt. 🙂
    Ich bin zwar weder großer Ryan Gosling noch Musical Enthusiast, aber der Film lockt selbst mich ins Kino. Ich hoffe, ich lobhudele dann ebenso wie du jetzt gerade…

    • katrindoerksen
      7 Monaten ago

      Da wünsche ich ganz viel Vergnügen und freue mich auf deine Meinung. 🙂

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