HONG SANG-SOO: RIGHT NOW, WRONG THEN

Sie weiß noch nicht genau, wo ihr Weg sie hinführen wird, aber deswegen entdeckt sie unterwegs umso mehr,“ lautet Ham Chun-sus (Jeong Jae-Yeong) schmeichelndes Urteil über die abstrakten Gemälde der jungen Malerin Yoon Hee-Jung (Kim Min-Hee). Ihre Freundinnen hängen an den Lippen des gefeierten Regisseurs. Kurz darauf läuft das Gespräch aus dem Ruder und all die Schmeicheleien, die entdeckten Gemeinsamkeiten, die Momente ausgelassener Zweisamkeit sind nicht mehr stark genug, um die bittere Enttäuschung zu überdecken. Right then, wrong now.

© Grandfilm
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Der Koreaner Hong Sang-Soo ist einer dieser Regisseure, die sich ein ums andere Mal vorwerfen lassen müssen stets den gleichen Film zu drehen. Right Now, Wrong Then bildet keine Ausnahme in diesem Oeuvre. Vielleicht ist er aber so etwas wie ein Höhepunkt seines Schaffens. Erneut spielt er mit dem Prinzip der Wiederholung, der Variationen, und das sogar noch deutlicher ausformuliert als in allen vorherigen Filmen. Das erste Kapitel – Right then, wrong now, eine Romanze. Infolge eines organisatorischen Fehlers kommt besagter Regisseur einen Tag zu früh in die Stadt Suwon. Beim Sightseeing trifft er die Malerin. Die beiden verbringen den Tag gemeinsam, nehmen Kaffee und Tee, später Schnaps und Sushi in kleinen Bars zu sich, sie zeigt ihm ihre Bilder und später folgt ein weiteres Trinkgelage. Bis schließlich nach exakt einer Stunde alles wieder auf Null springt. Wieder lernen die beiden Protagonisten sich kennen und Set für Set bewegen wir uns noch einmal durch ihren Tag.

„Ich verstehe nicht, wie man sich langweilen kann, wo es doch so viel zu tun gibt,“ stellt Yoon dabei fest, im Café vor ihrem dampfenden Tee sitzend. Die Aussage lässt sich wunderbar auf Right Now, Wrong Then übertragen. Wo es so viel zu sehen gibt. Hong Sang-Soo filmt jetzt aus anderen Perspektiven. Seine Figuren besuchen die gleichen Orte, besprechen im Grunde die gleichen Themen. Aber die Formulierungen sind anders, manchmal auch die Reihenfolge. Und so entwickelt sich ihre Beziehung in eine völlig konträre Richtung. Wir kennen solche Szenen tatsächlich schon aus anderen Filmen des Regisseurs: die winzigen Cafés, die dampfenden Getränke, das Schmatzen, die steigenden Pegel. An einer Stelle redet Yoon davon, dass sie als Künstlerin Routine brauche, sonst zerrinne ihr alles zwischen den Fingern. Ham stimmt zu. Und Hong Sang-Soo lässt seinen aufmerksamen Blick ebenfalls nicht vom Alltag trüben. Als einmal der Lichtkegel der Restaurantbeleuchtung schräg auf Yoon fällt, wird das Pilling auf ihrem navyblauen Pullover deutlich sichtbar. Dieser Pullover ist kein steriles, womöglich gesponsertes Kostüm von der Stange in irgendeinem Fundus. Er ist allem Anschein nach ein alltäglich getragenes Kleidungsstück der Schauspielerin. Hong Sang-Soo nimmt Objekte und Rituale des Alltags und macht sie zu Indizien, Spuren der Routine als Essenz des Lebens, des künstlerischen Schaffens.

© Grandfilm
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Neunzehn Spielfilme hat Hong Sang-Soo mittlerweile gedreht, Right Now, Wrong Then ist der Achtzehnte. Sein Erster, der regulär in den deutschen Kinos läuft – mit einem Jahr Verspätung. Trotz zahlreicher Preise auf beinahe allen wichtigen Festivals in Asien, Europa, Amerika und einer ausdauernden Fanbase. Dabei liegt es so nah, koreanische Filme in deutschen Kinos zu zeigen. Filme der sogenannten Preußen Asiens – oder der Italiener Asiens, je nachdem, wen man fragt. Die nach einem Krieg geteilt wurden, die eine Wirtschaftswunderzeit erlebten, die eine Regierungschefin gewählt (und inzwischen wegprotestiert) haben, länger im Büro bleiben als in jedem anderen Land der Erde. Denen andererseits eine Vorliebe fürs Feiern nachgesagt wird, für gutes Essen und zünftige Trinkgelage. Eine Essenz zu destillieren, ohne den bloßen Rückgriff auf solche unbekömmlich schlagworthaften Stereotype, das verdankt Hong Sang-Soo seiner Fähigkeit, alltägliche Situationen in Formen anzuordnen, die durch den Filter seiner nüchternen Beobachterhaltung als Raster deutbar werden. Man möchte einen so bedachten Kino-Chronist jedem Land wünschen.

Unterwegs wird aus Right Now, Wrong Then so auch ein Film über das Filmemachen. Ein Versuch über die vielen kleinen Entscheidungen, aus denen sich am Ende ein Kunstwerk zusammensetzt. Über die vielen kleinen Ereignisse und Verschiebungen im Raum-Zeit-Kontinuum, die am Ende dazu führen, dass ein Kritiker dieses Werk lobt oder in der Luft zerreißt. Im ersten Kapitel taucht Yoon ihren Pinsel in orange leuchtende Farbe, fügt der bunten Anordnung auf ihrer Leinwand zwei geschwungene Striche hinzu. Im zweiten Kapitel ist die Farbe grün. Ham findet diesmal keine Worte der Anerkennung, die Bilder seien ohne Herausforderung, ohne Risiko. Die Kamera zeigt die Staffelei nicht von vorn. Ob das Bild darauf das Selbe ist wie im ersten Kapitel, bleibt eine Frage der eigenen Vorstellungskraft.

Kinostart: 08. Dezember 2016

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