DANIELS: SWISS ARMY MAN

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Und in dieser übersichtlichen kleinen Aufstellungen sind die positiven Auswirkungen einer Leiche auf das allgemeine Befinden und die Moral noch gar nicht enthalten. Eine Leiche kann zum besten Freund werden, sie redet, singt und tanzt mit Ihnen, entpuppt sich im richtigen Moment als gewiefter Psychotherapeut und wird Sie auch sonst in jeder Lebenslage durch ihre vielseitige Einsetzbarkeit überraschen. Sie werden sie nicht mehr missen mögen.

© Capelight (Koch Media)
© Capelight (Koch Media)

Das ist makaber? Eklig? Dann wird Swiss Army Man wohl in ein paar Monaten nicht auf Ihrer Jahresbestenliste stehen. In dem Film von Daniel Kwan und Daniel Scheinert – kurz: den Daniels – spielt Daniel Radcliffe nämlich genau das: eine vielseitig einsetzbare Leiche, einen Schweizer Taschenmessermenschen, gewissermaßen. Er rückt in Hanks (Paul Dano) Blickfeld, als dieser sich gerade aufhängen will. Er ist nämlich einsam und allein auf einer Insel im Pazifik gestrandet. Die Leichengase seines neuen Gefährten, den er kurzerhand auf Manny tauft, bieten gerade soviel blubberigen Antrieb, dass er auf ihm wie auf einem Jetski zum Festland übersetzen kann.

Es ist schwierig, einen Film wie Swiss Army Man zu beschreiben, geschweige denn zu bewerten. Zumindest, wenn man über Aussagen wie: „toll gespielt, umwerfende Landschaftsaufnahmen“ (was im Übrigen zutrifft) hinaus will. Eine zu exakte Beschreibung der Geschehnisse des Films nähme die Überraschungseffekte – um nicht zu sagen: WTF-Momente – vorweg, aus deren Aneinanderreihung Swiss Army Man sich zusammenfügt. Eine essentielle Botschaft des Films zu destillieren, wäre wohl auch zum Scheitern verurteilt. Denn gerade das ist ja seine Besonderheit: auf seine unkonventionelle Art sagt der Film etwas über das Verhältnis von Leben und Tod aus, das in jeder anderen Form nur zu schnell pathetisch wirkte, abgedroschen, pseudophilosophisch. Wohingegen am Ende von Swiss Army Man unter anderem die freudige Erinnerung daran bleibt, wie klug Furzwitze sein können. Vielleicht unterscheiden sich genau an diesem Punkt die Menschen, die originelle Drehbücher schreiben von Denen, die nur Kritiken darüber verfassen.

© Capelight (Koch Media)
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„Help has arrived“, heißt es auf der Website zu Swiss Army Man, auf der man eine Pixel-Leiche herumpurzeln, Wasser spucken und furzen lassen kann. Steckten in den vergangenen Jahren männliche Helden des Indiedramas in Lebenskrisen, so kamen meist hübsche Mädchen mit bunten Haaren und exzentrischem Musikgeschmack zur Hilfe daher gehüpft und gaben ihren Leben wieder einen Sinn. Hier steht die einzige weibliche Figur des Films (Mary Elizabeth Winstead) in ihren wenigen Szenen staunend neben dem sich bietenden Spektakel. Swiss Army Man geht ganz in der Wahrnehmungswelt seiner Protagonisten auf: oft nimmt der A Cappella-Soundtrack (komponiert von Andy Hull und Robert McDowell aka Manchester Orchestra) den Singsang der beiden Figuren auf, manchmal sind sie es, die in die Musik einstimmen, als befände sich der Film – und mit ihm auch wir Zuschauer – vollständig in Hanks Kopf.

In diesem Kopf gelten die Regeln der Lebenden, der sogenannten zivilisierten Gesellschaft nicht. Er tickt queer und dreht frei – deswegen ist Swiss Army Man auch der unbeschwertere Mann-in-der-Wildnis-Film des Jahres im Vergleich zu beispielsweise Captain Fantastic, der in seiner bemühten Gefallsucht selbst auferlegten, hippiesk getarnten Zwängen zum Opfer fällt. Deswegen stellt sich Hank und Manny irgendwann zwangsläufig die Frage, ob die Rückkehr in die Gesellschaft überhaupt noch erstrebenswert erscheint. Und schließlich spielt es so auch kaum noch eine Rolle, dass es eben eine biologisch männliche Figur ist, die wir in der Krise sehen. Dass eine biologisch männliche Leiche als helfender Frankenstein-Engel vom Himmel fällt und das Bild einer Frau auf dem Smartphone zu ihrem Antrieb wird. Weil Swiss Army Man ohne das, was wir unter Umständen Kultur nennen zu negieren, in Richtung Natur tendiert, bis von seinen Figuren etwas sehr Ursprüngliches, auch Kreatürliches übrig bleibt: Todessehnsucht, Lebenswille, Sicherheitsbedürfnis, Angst, Begierde, Träume, Stoffwechsel, Furzen.

Kinostart: 13. Oktober 2016

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