TIM BURTON: DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER

Das Finale von Die Insel der besonderen Kinder spielt sich in einer Zirkusarena ab. Und auf einem Rummel. In den letzten Refugien der kindlichen Fantasie und des ausgemachten Schwachsinns, die in einem respektablen Erwachsenenleben erlaubt sind: das Spektakel ist dort hübsch zeitlich und räumlich eingegrenzt. Ein paar sauer verdiente Münzen berechtigen zum Zutritt, dann ist der Zauber schnell wieder vorbei. Es sind Orte, denen deswegen stets eine gewisse Melancholie innewohnt. Und so scheint es auch eine etwas schale Ironie, dass sich hier die Geschehnisse aus Tim Burtons neuem Film zuspitzen.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
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Es sind schöne Szenen, denen es beizuwohnen gilt: eine Schlacht kalkweißer Skelette, die sich wie in Harryhausen-Manier zum Leben erwachte Marionetten einen erbitterten Kampf mit Tentakelmonstern auf furchterregend spitzen Stelzenbeinen liefern und dabei die knallbunten Waggons eines Fahrgeschäfts rasant aus den Angeln heben. Oder in der allerschönsten Sequenz ein uraltes Schiffswrack auf dem Meeresgrund, dessen schleimgrün algenbewachsenes Interieur von den gigantischen Lungen eines besonderen Mädchens trockengelegt wird.

Die Insel der besonderen Kinder ist die Adaption des gleichnamigen Kinderbuchs von Ransom Riggs. Und es ist einer der besseren Filme des späten Tim Burton. Keine so krampfhafte Beschwörung abgelaufener Erfolgsformeln wie Dark Shadows, nicht so überzuckert wie Alice im Wunderland, bei dem allein schon der Umstand an seinem Verstand zweifeln ließ, sich auf einen derartig tot gewalzten Stoff einzulassen. Hier zucken für einen kurzen Moment bewehrte Burton-Qualitäten wieder auf: die gelackt symmetrischen Gänge eines Vorstadt-Supermarktes, die Hommage an handgemachte Effekte alter Meister. Die Insel der besonderen Kinder kann als fantastische Nummernrevue durchgehen, als Showreel digitaler Effekte der lebhafteren Sorte, wenn auch das 3D praktisch keinen Mehrwert bringt.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
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Aber weder die Buchvorlage noch Tim Burton kann sich damit abfinden, einfach einen guten Fantasyfilm zu drehen. Die Fantasie muss unbedingt in einen  Rahmen eingebettet sein, ganz nach desolater Zirkus-Manier. Die schrecklichen Monster, von denen Jacobs Opa (Terence Stamp) ihm aus seiner Kindheit erzählt, haben nur ihre Daseinsberechtigung als plakative Metaphern für die Schrecken der Naziherrschaft in Polen. Und die Besonderheit der Kinder, die Jacob (Asa Butterfield) schließlich in einem Waisenhaus in einer Zeitschleife entdeckt, wird von Eva Greens Miss Peregrine so oft mit spitzen Lippen überbetont, bis sich der Disabled-Kontext förmlich aufdrängt. Die Insel der besonderen Kinder ist kein fantasievolles Spiel mit Bedeutungsebenen. Er ist vielmehr ein Film, der Bedeutungsebenen ausstellt, um seine fantasievolleren Eskapaden zu rechtfertigen.

Wenn er also schon derart auf Bedeutung pocht, auf Repräsentation – wieso lässt er dann gänzlich außer Acht, welche Aussagen die Darstellung der einzelnen Figuren treffen? So richtig badass dürfen in Die Insel der besonderen Kinder eigentlich nur die physiognomisch noch als ‚echte‘ Kinder erkennbaren Figuren sein. Da gibt es ein kleines Mädchen, das knuddelig wirkt, aber auch Felsbrocken von der Größe eines Elefanten in die Luft heben kann. Ein Mädchen, das unter seinen Engelslöckchen ein furchterregendes Maul mit spitzen Reißzähnen verbirgt. Geschlechtslose Zwillinge, die mit ihren Blicken jedes Lebewesen versteinern können. Ein Mädchen, das mit nicht weniger stählernem Blick Dinge zum Wachsen bringen kann. Und dann sind da die Mädchen, deren Glieder schon gewachsen sind und deren Wangenknochen ihren Gesichtern bereits die kindliche Rundlichkeit genommen haben. Offenbar Grund genug, sie um Himmels Willen nicht mehr mit unberechenbarer Stärke oder gar Hässlichkeit in Verbindung zu bringen.

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
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Da gibt es die blonde Schwebe-Barbie Emma im blauen Kleidchen (Ella Purnell) für den Mainstreamgeschmack, deren schwereloses Fliegen es nicht nur ermöglicht, fraulich sanft Eichhörnchenbabies vor dem sicheren Tod zu retten, sondern der man im Flug auch vorzüglich unter den Rock linsen kann. Und im fliederfarbenen Kleidchen die rothaarige (wer hatte bloß die Idee zu dieser unglückseligen Farbkombination?) Feuer-Barbie Olive (Lauren McCrostie) mit den Domina-Handschuhen für all jene, die sich einbilden, ihr Geschmack sei etwas Besonderes. Es ist sicher unzureichend, diese beiden Figuren auf bloße Staffage zu reduzieren. Sie sind wie die Kinder mit Fähigkeiten ausgestattet, die sie gewinnbringend gegen Monster einsetzen können, das ist in einem Monsterfilm nicht die schlechteste Eigenschaft.

Aber warum muss ihnen dann immer im entscheidenden Augenblick die Puste ausgehen, damit ein gebeutelter Teenagerjunge daherkommen, sie endlich seine wahren Gefühle erkennend beweinen oder retten kann? Warum müssen sie optisch den Abziehbildern scheindistinguierter Männerfantasien entsprechen? Diese offenen – und sicher diskussionswürdigen – Fragen machen aus Die Insel der besonderen Kinder keinen durch und durch schlechten Film. Sie machen aus ihm nur einen Film, bei dem es keine Freude bereitet auf Details zu achten. Dann fällt auf, dass nicht nur das Rummelplatzfinale, sondern sogar die Opening Credits schon als Warnung zu verstehen sind: Handschrifteffekt und Sepia-Filter. Sepia! Die letzte Möglichkeit für unterdurchschnittlich begabte Amateurfotografen, ihre Bilder interessant aussehen zu lassen. Weiter reicht die Fantasie nicht.

Kinostart: 06. Oktober 2016

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