STEVEN SPIELBERG: BFG – BIG FRIENDLY GIANT

Die englische Queen unterscheidet sich von den meisten ihrer europäischen Amtskolleg_Innen – schließlich haben es die Briten gern mal ein bisschen anders als alle Anderen – durch eine kleine, aber bedeutende Feinheit: sie ist eine Königin von Gottes Gnaden. Das Volk hatte da nicht viel zu melden. Sie spielt also im Grunde eine Rolle, wie wir sie heute fast nur noch aus dem Märchen kennen: jene der über allem thronenden Monarchin, gütig und meist zurückhaltend und dann im richtigen Moment durch eine opulente Robe auffallend. Oder durch ein limonengrünes Kostüm, aber das ist eine andere Geschichte. Es liegt also überraschend nah, dass ein Filmemacher daherkommt und die Queen in den Kontext versetzt, in den sie gehört: in ein Märchen.

© Constantin Film
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So geschehen in BFG – Big Friendly Giant. Da tritt die englische Königin komplett mit eisengrauen Stirnlocken und Corgis auf den Plan, um die Kinder ihres Landes vor der Invasion der Riesen zu retten. Nichts weniger als die Macht der Träume überzeugt sie davon, dass ein kleines Mädchen in ihrem Fenster die Wahrheit über diese dräuende Gefahr verkündet. Träume, die der beste Freund des kleinen Mädchen zuvor eigenhändig eingefangen und verarbeitet hat – seine werkelnden Hände haben dabei tanzende Schatten an die Höhlenwand geworfen. So ähnlich macht es auch Steven Spielberg, der mit BFG – Big Friendly Giant ganz seinem Ruf als begnadeter Märchenonkel gerecht wird und zu einer Art des Filmemachens zurückkehrt, die an seine eigenen Werke aus den späten 70ern bis frühen 90ern erinnert. Die Verfilmung des Kinderbuches von Roald Dahl mag produktionsgeschichtlich eine hochmoderne Mischung aus Realfilm und Animation sein. Mit Ruby Barnhill hat er jedoch ein Mädchen für die Hauptrolle der kleinen Sophie gecastet, die mit ihrem typisch großäugigen Spielberg-Gesicht auch ohne Weiteres als kleine Schwester von Elliott durchgehen würde. Das überrascht schon deswegen nicht, weil das Drehbuch das letzte Werk der im vergangenen November verstorbenen E.T.-Autorin Melissa Mathison ist. Mark Rylance als BFG besticht durch seinen Außenseitercharme: mit einem possierlichen Sprachfehler und von unterdurchschnittlichem Wuchs – zumindest in Relation zu den übrigen Riesendimensionen. Aber die feinen Züge und Furchen in seinem Gesicht, auf der Leinwand gigantös vergrößert, prägen den ganzen Film.

© Constantin Film
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Alles beginnt in einem hyperrealistischen London: nachtblau funzelbeschienene Stolperpflaster und Blicke durch hell erleuchtete Barfenster geben die Studioatmosphäre vor. Sophies Perspektive führt uns durch das stille Waisenhaus, das sie ihr Zuhause nennt. Sie leidet unter Schlafstörungen und ist als Einzige noch wach, als plötzlich eine riesige knorrige Hand durch das offene Fenster nach ihr greift. Es dauert eine Weile, bis wir den BFG das erste Mal in voller Größe und inklusive seines freundlichen Gesichts zu sehen bekommen. Erst einmal ist er ein Schatten in der Nacht, ein flüchtiges Vorbeihuschen, ein Konglomerat unförmiger Extremitäten. Die Kamera vollführt Achterbahnkapriolen auf dem Weg von London in sein Riesenland. Steven Spielberg hat den Anfang von BFG – Big Friendly Giant darauf ausgelegt, das Kind in uns zum Staunen zu bringen.

Der fröhlich vor sich hinstolpernde Plot setzt erst nach diesem langen Prolog der fantastischen Schauwerte so richtig ein – obwohl das nicht das Ende der Spektakel bedeutet. Aber erst jetzt wird klar, was der BFG eigentlich will. Oder auch nicht. So richtig hat er sich nämlich keine Gedanken gemacht, wohin mit dem kleinen Mädchen. Sicher ist nur: nachdem sie ihn auf den Straßen Londons umherstreifen sah, kann er nicht riskieren, dass sie den Erwachsenen von ihm erzählt. Aber frei im Riesenland herumstreifen, das geht auch nicht. Dort treten nämlich die grobschlächtigen übrigen Riesen auf den Plan, die sich im Gegensatz zum BFG nichts schmausigeres vorstellen können als einen frischen human bean. Abgesehen von den Fleischfressern brauchen wir aber nicht in Kategorien denken: gut und böse, heldenhaft und hasenfüßig, Mädchen und Junge. Die Größe des BFG ist relativ, die mutige kleine Sophie gibt einen regelrechten Tomboy ab und  die Queen zeigt menschliche Regungen. Wenn überhaupt irgendetwas außer einem Fest kindlicher Fantasie, dann ist BFG – Big Friendly Giant ein so charmantes wie nachdrückliches Plädoyer für den Vegetarismus.

Kinostart: 21. Juli 2016

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