KEIICHI HARA: MISS HOKUSAI

Holz ist essentiell in der japanischen Kunstgeschichte. Es ist die Grundlage der Farbholzschnitte, die den Künstler Hokusai berühmt gemacht haben. Wahrscheinlich hat er die Technik nicht weniger beeinflusst als sie ihn. Lange auf die Portraits berühmter Kabuki-Darsteller abonniert, entwickelte er die Form weiter, indem er vor allem Landschaften auf Holz druckte. Die Krönung seines Schaffens – der Zyklus 36 Ansichten des Berges Fuji – war Ausdruck seiner persönlichen Obsession mit dem mythisch verklärten Berg als Symbol der Unsterblichkeit. Bis auf die uralte Volkserzählung Kaguya-hime no Monogatari lässt sich diese Assoziation zurückverfolgen, die vor wenigen Jahren von Isao Takahata verfilmt wurde und in der eine Göttin auf dem Gipfel des Berges das Elixier ewigen Lebens verbirgt. © AV Visionen / 24 BilderBesonders durch seinen ungewöhnlichen Stil fiel der Ghibli-Film auf, der sich an japanischen Tuschezeichnungen orientiert und vor allem das Freilassen großer Flächen kultiviert. Eine bedeutende japanische und chinesische Tradition, die die Imagination des Betrachters in Aufruhr versetzen soll und sich auch in den alten Farbholzschnitten wiederfindet.

Beschäftigt man sich mit Miss Hokusai, einem Anime von Keichii Hara, der diese Woche in den deutschen Kinos startet, so ist dies nur einer von vielen Kreisen, die sich eröffnen und wieder schließen. Miss Hokusai, O-Ei, ist die Tochter des mittlerweile in seinen Fünfzigern befindlichen Meisters. Eine unangepasste Freidenkerin, selbst Künstlerin. Unklar ist, wie viele der Hokusai zugeschriebenen Werke im Grunde aus ihrer Hand stammen. Unklar sind überhaupt große Teile ihres Lebens. Hinako Sugiuras Manga Sarusuberi, auf dem der Film basiert, bedient sich deswegen künstlerischer Freiheiten, erfindet Lehrlinge des berühmten Vaters, Verehrer der eigensinnigen Tochter und eine blinde Schwester O-Eis. Und zeigt doch mehr als er erzählt. Miss Hokusai spannt sich über die Ereignisse eines ganzen Jahres, vom Sommer 1814 zum Sommer 1815, wenn die Sarusuberi, die Königinblume wieder blüht, zeigt den Arbeitsalltag der Künstlerin und ihren Blick auf Edo, das heutige Tokio.

© AV Visionen / 24 Bilder
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Das Edo aus Miss Hokusai ist eine Welt der Sinne, durch die sich O-Ei traumwandlerisch bewegt, in der sie die Düfte der vielen Garküchen aufsaugt und die Kurtisanen im Rotlichtviertel malt. Eine Welt, in der Fantasiegestalten, Traumwesen und Geister wie beiläufig zum Alltag gehören. Nur wer sie ganz selbstverständlich wahrnehme, könne wahrhaft gute Bilder hervorbringen, davon ist Hokusai überzeugt. Ähnlich radikal in stilistischen Grundsatzfragen ist der Regisseur Keiichi Hara, dessen Animationen traditionell handgemalt sind. In einer Szene fährt O-Ei mit ihrer Schwester unter einer hölzernen Brücke hindurch. So detailliert ist die Maserung gearbeitet, dass dabei für einen Augenblick die Wahrnehmung verschwimmt, der Anime beinahe fotorealistisch erscheint.

Es ist nur ein kurzer Moment. Die naturgetreue Wiedergabe ist ohnehin nicht das Ziel, weder im Anime, noch im Farbholzschnitt. Der Künstler bietet die Andeutung und der Betrachter setzt das Bild im Kopf zusammen, so lautet die Idee. Deswegen die großen Flächen ohne Licht- und Schatteneffekte, die klaren Linien, kräftigen Farben und stilisierten Formen. Es ist eine Technik, die auf direktem Wege hin zu den Mangas führt, denen Hokusai ihren Namen gab. Seine Mangas erzählen noch keine Geschichten. Sie zeigen Szenen aus dem alltäglichen Leben der Edo-Gesellschaft, beinahe so wie es zwei Jahrhunderte später Miss Hokusai tut. Ein Film, der nicht darauf angewiesen ist, einen makellosen Spannungsbogen aufzubauen oder seine Protagonistin zur Identifikationsfigur zu degradieren. Die Handlung des Films ist wie in der Realität der eine Kreis, der offen bleibt. O-Eis Spur verliert sich nach dem Tod ihres Vaters, niemand kann mit Sicherheit sagen, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte, wann genau sie starb. Ihre Kunst lässt beide Hokusais unsterblich werden, lässt sie eingehen in das ewige Wechselspiel zwischen Material und Geisteswelt, den ewigen Kreislauf. Wie das Holz.

Kinostart: 16. Juni 2016

Tipp: Vom 10. Juni bis 11. September 2016 ist im MKG Hamburg die Ausstellung Hokusai x Manga zu sehen.

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