ANTHONY & JOE RUSSO: THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR

„Ain’t shady baby / I’m hot like the prodigal son /

pick a petal / eeny meeny miny mo /and flower / you’re the chosen one“

So singen alt-J in ihrem Song „Left Hand Free“ und irritieren damit den uninformierten Hörer. Eigentlich ist die britische Indie-Rockband doch schließlich für ihre kunstvoll frickeligen Texte und Arrangements bekannt. Tja, der Plattenfirma war das zu verkopft. „Schreibt doch mal was, was in die Charts kommt“, beauftragte man die Musiker – und die rissen dann gackernd in zwanzig Minuten das komplette „Left Hand Free“ herunter. Nun, genau genommen handelt es sich bei der Geschichte um eine Legende. Das mit der Plattenfirma stimmt Angaben der Band zufolge nicht, die zwanzig Minuten hingegen sehr wohl. Dass ausgerechnet „Left Hand Free“ nun im Soundtrack zu The First Avenger: Civil War zu hören ist, entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie.

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Ich weiß, ich weiß, ich weiß: aber das long-form storytelling! Dem Film kommt halt die unangenehme Aufgabe zu, die dritte Phase der Marvel-Filme einzuläuten, klar, dass der ein paar Schwächen hat. Ja, das Argument musste an dieser Stelle kommen. Es ist so oder in leicht variierter Form schon seit einigen Superheldenstreifen zu hören. Dazu kommen die Marvel-Jünger, die ihr Fantum gegen die Miesmacher verteidigen zu müssen meinen, die die Zilliarden Dollar Produktionskosten, Hollywoods Risikoarmut oder die Okkupation der Multiplexe ins Feld führen. Aber das Problem ist gar nicht der Blockbuster per se oder der Spaß an Unterhaltung. Auf den Geist geht viel mehr der den Marvelfilmen inhärente Anspruch, etwas Episches zu erzählen, etwas mit Substanz und unbedingt aktueller politischer Relevanz. Edward Snowdens Enthüllungen, der elendige Terrorismus, alte Animositäten in Sachen Ostblock gegen Westen, alles ist recht, um den Avengers – in welcher Zusammensetzung auch immer – Bedeutung zu verleihen.

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

The First Avenger: Civil War gibt sich den Anschein eines klassischen Paranoia-Thrillers. Die Action ist etwas zurückgenommen, der Fokus liegt auf der guten alten Faust-gegen-Faust-Methode, es gibt keinen finalen Showdown mit Monstern aus dem All und dafür reichlich Szenen mit reichlich Dialog – was über 140 Minuten hinweg nicht immer frisch und munter hält. Die Russos inszenieren all das solide, aber eben auch fürchterlich leidenschaftslos, und während ein kostümierter Rächer nach dem Anderen auftaucht, droht der nicht allzu fan-euphorisierte Zuschauer leicht den Überblick zu verlieren. Es ist schon allein ihrer schieren Menge  geschuldet, dass viele der Figuren in The First Avenger: Civil War zu kurz kommen. Einzig Tom Holland spielt seinen jungen Spider-Man als Mischung aus nervösem Fanboy und wendiger Kampfmaschine und bleibt damit in positiver Erinnerung – stimmt vielleicht sogar milde neugierig auf das nächste Spider-Man-Reboot.

Aber dann doch wieder: gerunzelte Stirnen und bedeutungsschwangeres Gerede. In The First Avenger: Civil War kommt die Bedrohung vor allem von Innen heraus: Weil die Superheld_Innen im Eifer ihrer Gefechte zu viele Zivilisten umgemäht haben, sollen sie der UN unterstellt werden und nur noch auf deren Befehl hin ausrücken. Um es kurz zu machen: die eine Hälfte der Kostümierten will unterschreiben, die andere nicht. Im Grunde ist die Geschichte des Films auf einen simplen Grundkonflikt herunterzubrechen. Moment, da gab es doch diesen Song… Richtig, „Left Hand Free“:

„Well your left hand’s free / and your right’s in grip / with another left hand / watch his right hand slip / towards his gun / oh no“

And that’s it. Es kann so einfach sein. Nur im Marvel-Universum offensichtlich nicht. Da muss ich mich durch unzählige halbgar verschwurbelte Dreistünder fräsen, bis vielleicht irgendwann das große Versprechen eingelöst wird, von dem eigentlich niemand so recht weiß, was es beinhaltet. Und das dann doch nur wieder das nächste Reboot nach sich zieht. Muss reihenweise schicke Stahl-und Glasfassaden in europäischen Städten zerbersten sehen (Berlin, Wien und London haben in Cap3 unter anderem ihren Auftritt), an deren glatten Oberflächen ich meine anfängliche Neugier geradezu abperlen spüre. Das digital aufgerüstete Kanzleramt ein fast fensterloser, abweisender Panzer und in seiner detailbefreiten Textur dem Film, in dem es steht, auffallend ähnlich. Ermüdend ist das, ärgerlich auch. Und beeindruckend wäre es nur, wenn die zwanzig Minuten Entstehungszeit eine Gemeinsamkeit zwischen Song und Film wären. Aber noch ist kein Ende in Sicht. „I’ll be there“, lauten Captain Americas letzte Worte im Film. Ich weiß, Captain, ich weiß.

Kinostart: 28. April 2016

1 Comment

Leave A Comment

Related Posts