CIRO GUERRA: DER SCHAMANE UND DIE SCHLANGE

Die Welt ist so groß“, wundert sich Karamakate (Antonio Bolívar) als der Biologe Richard Evans (Brionne Davis) seine Karte vom Amazonasgebiet ausrollt. „Wieso wählst du nur einen so kleinen Ausschnitt?“ Karamakate ist ein Angehöriger der Ethnie der Cohiuano und Schamane. Und damit steht er im Mittelpunkt des brennenden Interesses einer ganzen Heerschar von Forschern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in die entlegenen Ecken der Welt ausströmen, um verborgenem Wissen hinterherzuspüren. Karamakate bekommt es als junger Mann mit dem Ethnologen Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) zu tun und Jahre später dann mit dem Biologen. Damit wird er zum Mittelpunkt auch des Filmes Der Schamane und die Schlange von Ciro Guerra.

© MFA+ / Filmagentinnen
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Man sollte sich besser nicht täuschen lassen – weder von der Nominierung für den Fremdsprachenoscar, noch vom deutschlehrer-affinen Filmplakat oder dem weltkino-anrüchigen Verleihtitel. Der Schamane und die Schlange – oder El abrazo de la serpiente, wie er im Original so viel schöner heißt – ist eine kleine Sensation. Zum Einen wegen seiner Produktionsgeschichte: der erste kolumbianische Film seit dreißig Jahren, unter größtem Aufwand gedreht, der im Amazonasgebiet spielt und seine Geschichte auch noch aus der Perspektive eines Indigenen erzählt. Zum Anderen aber auch wegen genau dieser Geschichte und ihrer deliriösen Umsetzung. Mit einer Selbstverständlichkeit, die an den magischen Realismus des Romans Der Geschichtenerzähler von Mario Vargas Llosa erinnert, wechselt Guerra in flüssigem Dahingleiten die Zeitebenen, in dem er zum Beispiel schlicht einem Flusslauf folgt, in dem Karamakate auf einem Kanu auftaucht, wo er Jahre zuvor nur Meter weiter in einem Seitenarm verschwand. Der Schamane bündelt die Zeit, die manchmal als Kontinuum erscheint, als ewig fortzuführende Linie und dann wieder als kreisförmige Bewegung, sich stetig wiederholend. Wie in den Träumen der Forscher, bei denen nie so richtig klar ist, wo Fantasiespiel und Unterzuckerung übergehen in mithilfe psychoaktiver Pflanzen herbeigeführter Rauschzustände oder gar rohen Fieberwahn.

© MFA+ / Filmagentinnen
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Der Schamane und die Schlange entgleitet aber nicht in einen wilden Drogenfilm ohne jegliche Struktur, sondern verwebt geschickt die unterschiedlichen Perspektiven und Weltsichten seiner Protagonisten zu einem Film über den Amazonas, über im Verschwinden begriffene Ethnien und Kulturtechniken, die Wagnisse und Dilemmata abenteuerlicher Forscher, die ausbeuterischen Abgründe der Kolonialherren – ob in Gestalt brutaler Kautschukbauern, kolumbianischer Soldaten oder missionarischer Kapuzinermönche. Und gibt sich dabei nicht mit dem fluffigen Weltverbesserer-Gedanken zufrieden, dass interkultureller Austausch gewissermaßen als Selbstläufer schon alles regeln wird. Während im fernen Europa die Bourgeoisie auf Geschichten von den ‚edlen Wilden‘ mit ihrem exotischen Gebaren wartet, klammern sich die Wissenschaftler verzweifelt an ihr erlangtes Wissen und in der Wahrnehmung mancher Indigener hängt gar ihre Existenz daran: „Wenn die Weißen nicht lernen, ist das unser Ende“; seufzt der junge Mancusa (Yauenkü Miguee), der sich als Gehilfe des Ethnologen verdingt hat und damit in den Augen vieler seiner Leute zum Verräter wird.

© MFA+ / Filmagentinnen
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Würde Der Schamane und die Schlange aber das Geschichtenerzählen als banale Kinderei verdammen, so würde er der tief verwurzelten oralen Tradition seines Protagonisten kaum gerecht. Und so erscheint es umso gelungener, dass Ciro Guerra seine Erzählstrategie nicht in komplizierten Plotstrukturen oder aristotelischen Mustern erschöpft, sondern das Erzählen als Fluss etabliert, bei dem wie in den indigenen Mythen eine Episode in die Nächste übergeht und man sich treiben lassend ihren Sinn viel eher intuitiv erahnt als kognitiv durchdringt. Das Geschichtenerzähler als erforschbare Kulturtechnik, aber eben auch als magisches Erlebnis und Schlüssel zu Wissen und Verständnis. Ob in Form von Büchern oder Filmen, in mündlichen Erzählungen, Fotos oder Klängen aus dem Grammophon. Geschichten, die eine Weltsicht hervorbringen, bei der man mit großer Faszination auf den kleinen Ausschnitt einer Karte starren kann ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Kinostart: 21. April 2016

4 Comments

  • 3 Jahren ago

    Allein die Bildästhetik ist ja schon ziemlich spannend. Den werde ich mir wohl mal vormerken müssen.

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