FELIX VAN GROENINGEN: CAFÉ BELGICA

Man kennt dieses Phänomen, und als Stadt-Mensch erst recht: jeder weiß so einen Ort, der etwas ganz Besonderes war, ein kleiner Geheimtipp, bis die ersten guten Bewertungen kamen, die Massen, ein schneller Höhepunkt und das anschließende Verglühen. Manchmal dreht dieser unbarmherzige Prozess aber auch Karrieren durch die Mangel. Nachdem sein Regiedebüt The Broken Circle in unzähligen Besprechungen gelobt und gefeiert wurde, hatte ich bei Felix van Groeningens zweitem Film ebenfalls mit großer emotionaler Wucht gerechnet.

© Pandora FilmverleihCafé Belgica, so heißt eine ranzige, kleine Kneipe, die der feingliedrige Träumer Jo (Stef Aerts) seit Jahren ohne große Ambitionen betreibt. Sie läuft so vor sich hin, bis nach längerer Abwesenheit sein Bruder Frank (Tom Vermeir) auf den Plan tritt. Die Macho-Type ist verheiratet, wohnt auf dem Lande, das zweite Kind bereits unterwegs – aber er vermisst den Rock’n’Roll in seinem Leben. Also ist ein Plan zur Expansion schnell geschmiedet, und Felix van Groeningen macht deutlich, wie schwer es ist, Franks ungezügelter Euphorie zu widerstehen. Das Gebäude nebenan wird gekauft, die Bar zum Club ausgeweitet, das Amt geschmiert und die ersten Bands engagiert – und das Belgica geht durch die Decke.

In so mancher Hinsicht hält das Café Belgica, was es verspricht. Wer am Abend den perfekten Club sucht, der sucht womöglich ausgelassene Stimmung, originelle Musik, Ausgelassenheit, Hybris. All das bieten Club und Film. Vor allem die Musik hatte schon im Trailer aufmerksam gemacht, und tatsächlich erweist sich Felix van Groeningen wie schon in seinem Debüt als fähig, wenn es darum geht, Bands und Musik zu engagieren oder erdenken, die perfekt die Stimmung seines Werks transportieren. Die reale Formation © Pandora FilmverleihSoulwax sorgt für den Beat, die fiktiven The Shitz für den Indie-Faktor. Besonders im Kopf bleibt die Eröffnungssause, in der ein ganzes Orchester im Belgica einmarschiert und pumpende Dubstep-Klänge emuliert. Und schließlich der Abgesang: in der zweiten Hälfte des Trailers und am Ende des Films singt Charlotte „The Best Thing“ – einen wunderschönen Popsong. Wenn er nur nicht klingen würde wie Rihanna.

So verpufft die Faszination von Café Belgica, obwohl doch im Grunde alles so gut klingt, so perfekt produziert ist.  Der Club geht den üblichen Weg: seine Besitzer lassen sich von schnellem Sex und zu viel Kokain benebeln, plötzlich beenden stiernackige Securitymänner die bisher so durchlässige Türpolitik, die Drinks werden teurer und das Eis im Glas anteilig mehr. Der Film schließt sich an. Wer weiß, vielleicht stehen Jo und Frank ja sogar für den ewigen Bruderzwist zwischen Flamen und Wallonen. Nur schafft es Felix van Groeningen nicht, dass man sich dafür wirklich interessierte. Mindestens eine halbe Stunde zu lang müssen wir ihnen dabei zusehen, wie sie sich gegenseitig zerlegen, wie ihre Frauen schwanger werden, aufdringliche Gäste ihre Abreibung bekommen, Mitarbeiterinnen behandelt werden wie Fleisch, wie die Lines immer verzweifelter aufgesogen werden. Vom Kleinod der Clubkultur wird das Belgica zum stillosen Absturz-Ort, vom emotionalen Aufheizer Café Belgica zur mittelprächtigen Durchschnittsware.

Kinostart: 23. Juni 2016

3 Comments

  • 3 Jahren ago

    The Broken Circle hat mich damals tatsächlich begeistert. Das klingt hier jetzt allerdings nach nichts, was dem nahe kommt.

  • 3 Jahren ago

    The Broken Circle hat mir damals tatsächlich gefallen. Aber das hier klingt jetzt nach nichts, was dem nahe kommt.

  • Tom
    2 Jahren ago

    Weiß jemand Weidas Brassensemble welches ins Café marschiert heißt, bzw der Song? Ist auf dem Soundtrack nicht zu finden.

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