ATHINA RACHEL TSANGARI: CHEVALIER

Wer in seinem Leben schon auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs war, wird all die eigentümlichen Wahrnehmungsmodi kennen, die an diesen mobilen Orten alltäglich werden. Regelmäßige blechern scheppernde Durchsagen von der Brücke, die über heraufziehende Stürme informieren oder nur über den Kurs im Serviettenfalten am Abend um halb Acht. Und natürlich die Vorauskamera, die sich für Bewohner von Innenkabinen als tatsächlich sehr nützlich herausstellen kann, weil sie aus dem Bauch des Schiffes heraus die Fensterfunktion übernimmt. Die Bilder der Vorauskamera ansehen – stur schaut sie den ganzen Tag gerade über den Bug hinaus – bedeutet gewissermaßen die Einswerdung mit dem Schiff, seine Perspektive einnehmen, mit seinen Augen sehen. Um die Ecke Schauen geht nicht so ohne Weiteres, dazu muss sich schon das ganze Vehikel drehen.

© Rapid Eye MoviesAuch in Chevalier bekommen wir regelmäßig Einstellungen dieser Art zu sehen, wie mit einer Vorauskamera aufgenommen. Athina Rachel Tsangari hat damit nach Attenberg ihren zweiten Langspielfilm abgeliefert und so auch der Neuen Griechischen Welle ein weiteres Werk hinzugefügt. Ihr Film spielt fast ausschließlich auf einer großzügigen Yacht, auf der sechs Männer ihren Urlaub verbringen. Das werden sie nicht müde zu betonen: „Wäre es nicht herrlich, wenn immer Urlaub wäre?“ fragen sie sich abends an Deck und verlängern den Ausflug gleich noch um ein paar Tage. Dabei steigen die Stresslevel von Stunde zu Stunde. Athina Rachel Tsangari hat keinen lockerleichten Urlaubsfilm gedreht. Sie zeigt in Chevalier die Männlichkeit in der Krise.

Aus einem abendlichen Spiel zum Zeitvertreib wird bei den sechs Mann in einem Boot schnell ein allumfassender Wettbewerb. Es geht nicht einfach nur darum, wer am schnellsten rennt oder am weitesten wirft. Es geht um das große Ganze: wer ist der beste Mann? Um die endgültige Antwort auf diese Frage zu erhalten, befragen sie sich gegenseitig und notieren jedes noch so kleine Detail, versammeln sich um das Bett jeweils eines Schlafenden, vergleichen ihre Blutwerte und lauschen ihren Telefonaten mit der Familie und den Geliebten. Schon vor dem offiziellen Startschuss des Wettbewerbs dringt es in den Gesprächen der sechs Griechen durch, das unterschwellige Konkurrenzgehabe, das ständige sich seines eigenen Wertes Vergewissern, Abgrenzung voneinander und gleichzeitig der Drang nach Zugehörigkeit im idealisierten © Rapid Eye Moviesbrüderlichen Bund. Tsangari versucht diesen Wettkampf zu rhythmisieren, indem sie gezielt Szenen mit einem treibenden Beat unterlegt, nutzt die Symmetrie des Schiffes für ihre Bildkombinationen und die räumliche Enge, um auf eine nahende Katastrophe hinzudeuten. In Erinnerung an einige blutige Exzesse im neueren griechischen Kino scheint diese Strategie zuerst auch aufzugehen – Chevalier ist allerdings groß darin Erwartungen ins Nichts laufen zu lassen. Weder gelingt es trotz einiger humoristischer Ausschläge so etwas wie Spannung zu erzeugen, noch die durchaus ansehnlichen Aufnahmen der felsigen Ägäis vom letztlich bleibenden Eindruck einer gähnenden Leere zu befreien.

Das mag zum Konzept Athina Rachel Tsangaris gehören. Es wäre wohl auch zweifelhaft, den gockeligen Wettbewerb von sechs Männern im besten Midlifekrisenalter mit der an Helden gemahnenden Bedeutung aufzuladen, die der Titel des Films suggeriert. So aber sehen wir albernen Figuren bei der Verrichtung alberner Taten zu. Und am Ende gehen alle nach Hause und machen weiter wie vorher. Die Vorauskamera lugt weiter starr geradeaus, Besatzung und Passagiere bleiben weiter fröhlich egozentrisch, wie sich das auf einem Kreuzfahrtschiff eben so einschleicht.

Kinostart: 21. April 2016

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