BERLINALE PANORAMA 2016: THE LOVERS AND THE DESPOT

Es ist ein Klischee, in Besprechungen von Dokumentarfilmen zu schreiben, dass ihre Geschichten sich anfühlen wie aus einem Film. Wenn es doch aber nun mal so ist! The Lovers and the Despot von Rob Cannan und Ross Adam erzählt eine nahezu unglaubliche Episode koreanischer Verwicklungen nach. Das wussten glücklicherweise auch ihre unfreiwilligen Protagonisten, die sicherheitshalber alles heimlich auf Mikrokassetten aufnahmen. Wer hätte ihnen sonst auch geglaubt?

© BerlinaleShin Sang-ok und Choi Eun-hee waren in den 1950er Jahren das Glamour-Paar der südkoreanischen Filmwelt. Sie als Darstellerin mit weichem Lächeln vor der Kamera, er als ambitionierter Regisseur dahinter. Als sie sich 1978 scheiden lassen, droht erst alles zu enden wie in unzähligen anderen Beziehungsstories. Dann setzt unvermittelt der Krimi-Plot ein: in Hongkong kidnappen nordkoreanische Agenten im Auftrag des filmbegeisterten Kim Jong-Il die Schauspielerin und anderenorts den Regisseur. Gemeinsam sollen die beiden die Filmindustrie des Landes international konkurrenzfähig machen. Choi Eun-hee wird zum hübsch anzusehenden Aushängeschild, Shin Sang-ok weigert sich und geht zunächst einmal für fünf Jahre ins Gefängnis, bevor er doch noch beginnt Filme wie am Fließband für das Regime zu drehen. In Südkorea heißt es, die beiden Filmemacher seien freiwillig und aus politischer Überzeugung heraus in den abgeschotteten Nachbarstaat gegangen.

© BerlinaleThe Lovers and the Despot beginnt mit seinen Betrachtungen am vorläufigen Ende des Martyriums: 1986 gelingt dem Paar die Flucht aus Nordkorea und in einer Pressekonferenz geraten erstmals die Tonbandmitschnitte aus Gesprächen mit Kim Jong-Il an die Öffentlichkeit, die die Version der beiden Gekidnappten als wahr bestätigen sollen. Im Dokumentarfilm nehmen Choi Eun-hee und diverse Film- und Nordkorea-Experten für Interviews vor der Kamera Platz und Ausschnitte aus alten Filmen Shin Sang-oks illustrieren die Nacherzählung ihres Weges. Formal liefern Rob Cannan und Ross Adam also einen soliden, wenn auch nicht unbedingt innovativen oder sonderlich originellen Film ab. Zudem ignorieren sie weitgehend die nach wie vor bestehenden Zweifel über zumindest Shin Sang-oks Variante der Geschichte.

Und doch geht von The Lovers and the Despot eine unleugbare Faszination aus. Weil der Blick nach Nordkorea prinzipiell immer schon wie eine kleine Reise in der Zeitkapsel anmutet, oder in einem Kuriositätenkabinett. Und weil vor allem die vielen Spielfilmausschnitte sich aus Material zusammensetzen, das hier nicht unbedingt zum Repertoire der Programmkinos gehört. Vom ersten Liebesfilm Nordkoreas (was revolutionär war, denn neben der unerschöpflichen Liebe zum Diktatoren gibt es in dem Land kein Konzept für zwischenmenschliche Liebe) bis zum Godzilla-Verschnitt Pulgasari – es müsste unbedingt ein Festival für den nordkoreanischen Film geben.

Wer sich für die Episode um Shin Sang-ok, Choi Eun-hee und Kim Jong-Il interessiert, findet einen interessanten, wenngleich auch etwas oberflächlichen Überblick in diesem Text vom Nordkorea-Filmexperten Johannes Schönherr.

Pulgasari

The Lovers and the Despot auf der offiziellen Berlinale-Website

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