BERLINALE GENERATION 2016: ROYAHAYE DAME SOBH (STARLESS DREAMS)

Selbst hinzugefügte Schnittwunden an den Armen und Verbrennungen von der eigenen Mutter, schwanger mit 15, Junkie mit 17, vergewaltigt vom Onkel, auf der Straße lebend, Passanten ausrauben und Menschen… Naja, nicht umbringen, aber vielleicht auf sie einstechen, wenn es nötig ist. Die Große mit dem schmalen Gesicht unter ihrem Tschador ist die Ausnahme: sie hat ihren eigenen Vater umgebracht.

Was die Mädchen in dem iranischen Rehabilitationszentrum erlebt haben, klingt nach dem übers Ziel hinausgeschossenen Plot eines kruden Actionthrillers. Aber mit Royahaye Dame Sobh (Starless Dreams) hat der Regisseur Mehrdad Oskouei einen Dokumentarfilm gedreht, der auf der diesjährigen Berlinale im Generations-Sektor zu sehen ist. Mehrere Jahre hat er in der Einrichtung an verschiedenen Filmen gearbeitet und ihm ist wichtig zu betonen, dass es sich nicht um ein Gefängnis handelt. Hier sitzen nicht die Aufgegebenen der iranischen Gesellschaft. Sondern Kinder, die auf die schiefe Bahn geraten sind und den Weg zurückfinden sollen. Die Gesellschaft ist als Ausgangspunkt für das Nachdenken über sie aber kein schlechtes Schlüsselwort: „Sie ist stärker als ich“, weint eines der Mädchen während der Sprechstunde mit dem Imam. „Die Regeln sollen unsere Gesellschaft ruhig und in Ordnung halten“, antwortet er nur.

© BerlinaleRoyahaye Dame Sobh (Starless Dreams) gibt Mädchen eine Stimme, die sonst im Iran ungehört bleiben. Das ist tragischerweise wörtlich zu verstehen: erzählen sie ihren Familien vom ungebührlichen Verhalten des Onkels, sind sie es meistens, die für schuldig erklärt werden, wenn man ihnen denn überhaupt glaubt. Zu groß sind Angst und Scham. Selbst eine der Mitarbeiterinnen hat für ein Mädchen nichts mehr übrig, dass sich vor seinem Zuhause ängstigt: „Bist du einmal hier rausgegangen, bist du nicht mehr unser Problem. Selbst, wenn du dich umbringst.“

Es ist erstaunlich, wie Mehrdad Oskouei die Mädchen dazu bringt, sich trotz ihrer unzähligen schlechten Erfahrungen und ihrer unmärchenhaften Geschichten vor der Kamera so zu öffnen wie sie es tun. Vielleicht reicht ihnen schon das Gefühl, einmal von sich erzählen zu können, ohne dabei umgehend auf eine steinerne Wand aus Vorbehalten zu prallen. Manchmal wirkt es, als seien die Mädchen in Royahaye Dame Sobh (Starless Dreams) völlig auf sich allein gestellt. Die meiste Zeit verbringen sie in ihrem gemeinsamen Schlafraum, an dem sich die kahlen Doppelstockbetten an den Wänden entlang reihen. Ein Teppich liegt in der Mitte, viel mehr gibt es nicht. Und so ist jedes Mittel recht, das von der bohrenden Langeweile ablenkt: eine kurze Schneeballschlacht im Innenhof, Besuch von einem der Kinder der Insassinnen oder eben der nächste Gerichtstermin. So karg die Umgebung, so exzessiv aber auch die Gefühle, die sich im Inneren der Mädchen abspielen. Im einen Augenblick singen sie gemeinsam schmachtende Lieder, spielen Flaschendrehen und tollen ausgelassen herum. Im nächsten Moment steigen wieder Einer die Tränen in die Augen und ein ganzer Pulk bildet sich, um die Betreffende zu trösten. Es ist dieses Gefühl der Nähe unter den Mädchen – aber auch zwischen den Mädchen und den Filmemacher_Innen – das Royahaye Dame Sobh (Starless Dreams) nicht nach kalter Exploitation aussehen lässt, sondern nach einem Film, der es ehrlich mit seinen Protagonistinnen meint.

Royahaye Dame Sobh (Starless Dreams) auf der offiziellen Berlinale-Website

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