THOMAS MCCARTHY: SPOTLIGHT

Hin und wieder werden Filme gedreht, denen man von Vornherein eine gewisse Ehrfurcht entgegen bringt.  Nicht nur, weil ihre Mythologien seit Jahrzehnten das Kino und das kulturelle Wissen geprägt haben. Sondern eher, weil sie sich mit so ungeheuerlichen, so wichtigen Themen auseinandersetzen, dass man sie einfach gelungen finden möchte. Weil das bloße Erzählen ihrer Geschichte gefühlt schon ihre Existenz berechtigt.

© Paramount Pictures GermanySpotlight ist einer dieser Filme. Der Regisseur Thomas McCarthy inszenierte in seiner letzten Komödie The Cobbler – Der Schuhmagier Adam Sandler als identitätsfluiden Schuster und schoss sich damit beinahe ins Aus. Umso überraschender die Wahl des Stoffes für seinen nächsten Film. Spotlight heißt die kleine Abteilung für investigative Recherche der Tageszeitung The Boston Globe, die um die Jahrtausendwende herum den Missbrauch zahlloser Kinder durch katholische Priester im Raum Boston öffentlich machte. Im Film beginnt alles mit dem Auftritt eines neuen Redakteurs: Marty Baron (Liev Schreiber) ist Jude und kommt nicht aus der Gegend, und deswegen scheut er sich nicht, schon lange totgeschwiegene Probleme auf den Tisch zu legen. Wie dringend es wirklich diesen Außenstehenden als Katalysator braucht, macht – das ist eine der großen Stärken des Films – Spotlight schnell klar.

Das Rechercheteam ist klein: es besteht aus dem Redakteur Walter Robinson (Michael Keaton) und seinen drei Reportern Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matty Carroll (Brian d’Arcy James). Sie alle sind ehrgeizig, sie alle haben ein Verantwortungsgefühl und journalistischen Ethos – und sie sind alle katholisch. So wie auch 80% der Abonnenten des Boston Globe. So wie Anwälte und Politiker, Arme und Reiche. Sacha geht jede Woche mit ihrer alten Großmutter in die Kirche. Sie alle erinnern sich an ihre katholische Erziehung, an Jugendveranstaltungen, an die Priester ihrer Kindheit. Sie mögen ihre Entscheidungen nicht jeden Tag mit der Bibel treffen. Aber sie hängen im System mit drin. Deswegen lässt sie auch die Recherche alles andere als kalt. Bald stellt sich heraus, dass es sich bei den Missbrauchsfällen nicht um einzelne Taten handelt. Unglaubliche 90 Priester in Boston werden des Missbrauchs bezichtigt und eine regelrechte Industrie schützt sie vor den Konsequenzen. Die Täter werden in andere Gemeinden versetzt, die Opfer mit winzigen Abfindungssummen und sozialem Druck mundtot gemacht, Anwälte werden als Mediatoren bezahlt, um sich nicht öffentlichkeitswirksamen Gerichtsprozessen aussetzen zu müssen. Aktivisten wie der Leiter einer Selbsthilfegruppe von Überlebenden oder der Anwalt Mitchell Garabedian (wie immer der eigentliche Star: Stanley Tucci) werden von der Kirche beobachtet, gar bedroht. Und dann überreicht dir ein gutmütig lächelnder Bischoff mit großväterlicher Geste den Katechismus.

© Paramount Pictures GermanySpotlight ist kein Film, der sich mit pathetischen Reden und erlöserhafter Figureninszenierung übereifrig nach den Oscars streckt – auch wenn Mark Ruffalo in seiner Darstellung des arbeitswütigen Reporters Rezendes oftmals ein wenig über das Ziel hinausschießt und agiert wie ein emotional aufgewühltes Huhn inklusive hektischem Zucken. Stattdessen ist er in erster Linie ein Film über journalistische Arbeit und in keiner Besprechung fehlt der Hinweis auf Die Unbestechlichen. Er spielt sich ab in einer Welt der weißen Wände und grauen Büromöbel, der dokumentüberhäuften Schreibtische, der blauen Hemden von der Stange und der stets gezückten Notizblöcke. Arbeit vor dem Computer, im Archiv, manchmal ein wenig Interaktion in Interviews. Klinisches Zerlegen, Blättern, strategisches Operieren, langsames Vorstoßen, um irgendwann zum Kern der Sache zu kommen. Eine dröge Welt, auf den ersten Blick. Zum Leben erwacht sie durch das engagierte Ensemble und vor allem durch den von Thomas McCarthy geschickt sensibilisierten Blick auf das große Ganze, das System.

Trotzdem erreicht Spotlight einen Punkt, der die Frage aufwirft: halte ich den Film tatsächlich als audiovisuelles Produkt für gelungen? Oder halte ich ihn vor allem für wichtig? Bleibe ich am Ball, weil die Dramaturgie mich unter Spannung setzt oder weil ich persönlich mein ganz eigenes Hühnchen mit der Kirche zu rupfen habe und mich per se über jede Kritik freue? Spotlight ist ein Film zum mehrmals Ansehen, auch wenn es nicht leicht fällt. Aber vielleicht ist der Blick klarer, wenn das erste überwältigende Gefühl des Ekels überwunden ist.

Kinostart: 25. Februar 2015

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