WARUM ICH ‚ICH‘ SCHREIBE. IMMER WIEDER.

Theodor Adorno empfand es bei den meisten Menschen als Unverschämtheit, wenn sie „Ich“ sagten. So schrieb er es zumindest in seiner Minima Moralia. Wenn mich die Misanthropie manches Mal packt, dann will ich ihm zustimmen. In diesen schwachen Momenten, die wir alle kennen, wenn wieder eine Person jenseits der Sechzig wie ein Baum vor der Rolltreppe stehen bleibt oder wenn man auf Facebook von Liebesbekundungen und Wichtigtuereien belästigt wird. Dabei habe ich bei längerem Überlegen einiges gegen Adornos Bekundung einzuwenden; ziemlich viel sogar.

Dieses Ich, das ist schon Thema seit meinen allerersten öffentlichen Schreibversuchen. Meine erste Redakteurin verbot ihren Autor_Innen kategorisch das ‚man‘. Nicht etwa aus feministischen Gründen, nein, es sei schlicht zu unpersönlich und bündele deswegen nicht die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Meine zweite Redakteurin übernahm dieses Prinzip: auf einem Blog mit Persönlichkeit sollten wir dezidiert das ‚Ich‘ verwenden, Meinung zeigen, mehr als Sehempfehlungen abgeben.

Eine meiner derzeitigen Redakteur_Innen bin ich selbst, zum Beispiel auf diesem Blog. Und auch hier findet das ‚man‘ nicht allzu oft Verwendung; aus ähnlichen Gründen. Und das ist wieder Thema – bei Lesern und bei anderen Schreibenden: „Du schreibst so oft ‚Ich'“, lautet dann das Feedback zu meinem Schreibstil und der Themenwahl, manchmal erfragt und manchmal auch nicht. Dass junge Frauen nur allzu oft ungefragt Ratschläge erhalten, ist ein anderes Thema. Trotzdem: mein Unmut wurde immer größer und in Rage hackte ich irgendwann einen Text darüber ins CMS. Nur, um ihn am nächsten Tag wieder zu verwerfen. Nicht, weil ich nicht der Überzeugung wäre, dass Frauen öffentlich wütend sein dürfen. Sondern eher, weil diese Worte schlicht nicht dem Stil dieses Blogs entsprachen. Weil ich vom ‚Ich‘ eben nicht um des Mitteilungsbedürfnisses Willen schreiben will, sondern, weil dahinter ein Sinn steckt, der einen persönlichen Exhibitionismus weit übersteigt.

Bronislaw Malinowski – einer der großen Namen in meinem Ethnologiestudium – ist mittlerweile selbst umstritten, leistete aber einen wichtigen Beitrag zur Feldforschung: er führte die teilnehmende Beobachtung ein, bei deren Beschreibung die Forscher sich selbst ständig mit reflektieren müssen. Wie soll sonst auch halbwegs unterscheidbar bleiben, was möglichst objektive Beobachtung und was subjektive Sichtweise der Forschenden ist? Das Kapitel Ethnologiestudium ist in meinem Lebenslauf glücklicherweise abgehakt – der Denkansatz ist aber geblieben. Ich stelle meine Beobachtungen und Schlussfolgerungen ungern als starre Fakten hin – im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass ich sie nur aus meiner eigenen beschränkten Perspektive sehen kann. Eine Perspektive, die sich aus Psyche, aus Erziehung, Sozialisierung, aus Träumen und Ängsten, aus Erfahrungen und Idealen zusammensetzt; eben aus einer komplexen Persönlichkeit heraus.

Die Frage dabei ist: wem wird eine komplexe Persönlichkeit überhaupt zugestanden und wem nicht? Wessen Stimme wird angehört und hingenommen und wessen Stimme wird ständig hinterfragt? Der Vorwurf gegen junge Frauen, sie belästigten die Welt mit ihren Privatangelegenheiten, der ist gar nicht mal selten. Lena Dunham kann ein Lied davon singen, deren Memoiren (eine Frau veröffentlicht ihre Memoiren mit Ende Zwanzig?) von Kritikern als publizierte Version eines banalen Tagebuchs abgetan wurde. Die sich absurden Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt sah und die sich noch heute für einen Satz ihrer Figur Hannah in der Serie Girls rechtfertigen muss, die sich im Drogenrausch als eine Stimme ihrer Generation bezeichnete. Nein, wie anmaßend. Der Vater der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie wurde im vergangenen Jahr in seinem Heimatland entführt – und zwar mit der Begründung der Täter, seine Tochter habe im Westen ein Vermögen damit verdient, über ihr Haar zu schreiben. Bloggerinnen wie Leandra Medine oder Pandora Sykes, Tavi Gevinson oder die Damen des Berliner Magazins This Is Jane Wayne thematisieren immer wieder, wie wenig sie als Autorinnen ernst genommen werden, weil es schließlich unmöglich sein kann, dass sich in leichten Texten über Mode, Beauty, teenage angst und Lifestyle profunde Gedanken über unsere Kultur und Gesellschaft verstecken. Ganz zu schweigen von den unzähligen Schriftstellerinnen, die aufgrund ihres Geschlechts ihre Werke nie veröffentlichen konnten oder die mittlerweile vergessen sind. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an die Autorin Lucy Larcom, die 1890 ihre Memoiren A New England Girl Hood veröffentlichte? Ich selbst würde es nicht, gäbe es nicht diese tolle Rubrik im wöchentlichen feministischen Newsletter Lenny, die regelmäßig solche Fundstücke ausgräbt.

An dieser Stelle regt sich die jahrelang verinnerlichte Demut in mir und ich würde am liebsten klarstellen, dass ich mich selbstverständlich nicht mit Dunham, Adichie und Co vergleiche. Aber der Punkt ist wie so oft das Schlüsselwort Repräsentation. Ich bin viel weniger besonders als es mir lieb ist: Wenn es mir also so geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es auch Anderen so geht. Wenn mich etwas betrifft, dann betrifft es unter Garantie auch Andere. Ich kenne alle Buchstaben und kann mich schriftlich besser ausdrücken als mündlich – also schreibe ich. Wer sonst erzählt die Geschichte meiner Großmutter, die als junge Frau aus ihrer Heimat in eine völlig neue Region flüchtete, in der sie auch Jahrzehnte später noch als die Fremde galt? Wer erzählt die Geschichte meiner Großtante, die nach dem Krieg in einer Klinik arbeitete, in der heimlich illegale Abtreibungen unternommen wurden, die Patientinnen und Angestellte gleichermaßen traumatisierten? Wer erzählt die Geschichte meiner Mutter, die ihr Abitur nicht machen durfte, weil ihre Religion es ihr untersagte in die FDJ einzutreten? Wer erzählt meine Geschichte, mit allem was war und allem was noch kommt? Es sind private Lebensgeschichten, sie gehören diesen Frauen, aber sie sind verwoben mit der Kultur, mit der Politik und mit den Konventionen ihrer Zeit. Allein deshalb verdienen sie es, erzählt, gehört und gelesen zu werden.

Und darum schreibe ich ‚ich‘. Immer wieder.

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