ADAM MCKAY: THE BIG SHORT

„The truth is like poetry. Most people fucking hate poetry.“

Dieses liebreizende Zitat, mitgehört in einer Bar in Washington DC, überschreibt eins der losen Kapitel, aus denen sich Adam McKays The Big Short zusammensetzt. Pointiert, gewiss, aber eigentlich wirkt der Film selbst nicht gerade wie Poesie. Eher wie ein Wortschwall, eine Kaskade, eine rhetorische und moralische Salve, abgefeuert in Höchstgeschwindigkeit auf den geplätteten Zuschauer in seinem Liegesessel, der hier mit allem rechnen muss. Aber nicht damit, erbaut aus dem Kino zu kommen.

© Paramount PicturesDarauf weist im Grunde schon das Thema des Films hin: mit The Big Short vollzieht Adam McKay die Anfänge der Finanzkrise nach, die im September die Immobilienblase der USA explodieren ließ und weltweit für Börsenstürze sorgte, für Arbeits- und Obdachlosigkeit, Debatten über die Regulierung der Banken. So plötzlich, wie die geplatzte Blase für Millionen Banker und Hausbesitzer kam, so wenig überraschte sie jedoch eine Handvoll Außenseiter an der Wall Street. Aus ihrer Perspektive widmet sich Adam McKay seinem ambitionierten Thema und hat dafür die gefragtesten Darsteller Hollywoods vor die Linse geholt: Ryan Gosling als eiskalt kalkulierender Karrierist, Steve Carell als vom Gewissen geplagter Zweifler, Christian Bale als autistischer Zahlenjongleur ohne soziale Kompetenz, Brad Pitt als ehemaliger Investment-Guru, der der Branche abgeschworen hat, ein Bart heranzüchtet und zur autonomen Selbstversorgung tendiert. Beinahe wirkt die Besetzung der Figurentypen, als hätte McKay gleichzeitig auch einen Film über Hollywood gedreht.

The Big Short dauert geschlagene 130 Minuten. Und wer sich ein Studium der Wirtschaftswissenschaften nicht als höchsten aller Genüsse vorstellen kann (so wie ich), mag sich von diesen Grundvoraussetzungen abgeschreckt fühlen. Es gehört zu den positiveren Überraschungen des Kinojahres, dass der Film diese Ängste nicht bestätigt. Adam McKay beginnt The Big Short wie einen Dokumentarfilm: Stakkatoartig aneinandergereihte Archivaufnahmen erinnern an den Moment des großen Crashs von 2008 – Banker mit gepackten Kartons, die entgeistert ihre Arbeitsplätze verlassen, leerstehende Häuserzeilen, Börsenkurse im Sturzflug. Dann setzt Goslings Stimme ein – in der Rolle des Aktienhändlers Greg Lippman von der „Doitshe“ spricht er die ersten Eckdaten in die Kamera: seit den 1970er Jahren habe sich die Bankenlandschaft fundamental verändert – und schon stecken wir tief im sprachlichen Sumpf der Hedgefonds und CODs, Bonds und ISDAs.

© Paramount PicturesNein, ich kann nicht sagen, dass ich nach der Sichtung von The Big Short eine Finanzexpertin bin. Aber zumindest für den Augenblick im Kino schafft es Adam McKay tatsächlich, das Geschehen nachvollziehbar zu machen. Und das auf ziemlich kreative Art und Weise: Immer wieder unterbrechen seine Figuren die vierte Wand, um das Geschehen zu kommentieren und Gaststars wie Margot Robbie oder Selena Gomez unterbrechen die Filmhandlung, um abstrakte Begriffe der Finanzwelt anschaulich zu erklären. Das macht The Big Short zu einem durchaus fordernden Unterfangen, neben der aufklärerischen Ambition sorgt es aber auch für einen hohen Unterhaltungsfaktor. Das rasante Tempo, die Reißschwenks und Einblendungen, die intensiven Schlagabtäusche der Schauspieler tun ihr Übriges – und am Ende reibt man sich erschöpft die Stirn und kann es gar nicht so recht fassen.

Die hohe Komplexität der Handlung sorgt im gleichen Atemzug aber auch dafür, dass The Big Short manches nicht bieten kann. Zum Beispiel vielschichtige Figuren. Sie bleiben Typen, ‚die Banker‘ eben, nur oberflächlich durch ihre Verhaltensweisen charakterisiert ohne Veränderungen durchzumachen: der manische Kaugummi-Kauer, der nervöse Bei-Metallica-Abreagierer, der Ehrgeizige, der in den Pausen ins Fitnessstudio rennt. Generell gilt: wenig charakterisierte Außenseiter gegen null charakterisierte Anzugträger. Und Frauen sind in dieser Welt ohnehin eine Rarität – das mag vielleicht die Realität widerspiegeln, macht die ganze Sache aber trotzdem nicht besser.

Dennoch: The Big Short gehört zu den erfreulichen Überraschungen dieses Kinojahres. Zum Beispiel, weil er es sich nicht nehmen lässt, fettgedruckt und mit Ausrufezeichen darauf hinzuweisen, dass sich seit dem großen 2008er Knall nichts fundamental verändert hat. Das ist die wenig poetische Wahrheit.

Kinostart: 07. Januar 2015

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