TOM HOOPER: THE DANISH GIRL

„Pariserinnen würden das Parfum nie einfach so auf die Haut auftragen“, erklärt Lili ihrer Kundin im Edelkaufhaus. „Sie sprühen es in die Luft und laufen hindurch.“ Diese Worte beinhalten derzeit eine traurige Dimension, denn nur zu gern wollen wir Paris wieder in erster Linie mit der Eleganz und Leichtigkeit assoziieren, die Lili so perfekt verkörpert. Sie hat zu diesem Zeitpunkt einen langen Prozess hinter sich: eine erste geschlechtsanpassende Operation, eine Annullierung ihrer Ehe, die Flucht vor Ärzten, die sie als Versuchskaninchen missbrauchen oder gleich wegsperren wollen, eben den schmerzhaften Prozess einer Veränderung von Grund auf. Obwohl Lili schon immer da war.

© Universal Pictures International Germany GmbHThe Danish Girl ist der neue Film von Tom Hooper und erzählt die Geschichte der Lili Elbe, geboren in Dänemark als Einar Wegener, der als einer der Ersten eine geschlechtsangleichende Operation vornehmen ließ. Ein schlichter Blick in den Wikipedia-Artikel reicht schon aus, um herauszufinden, dass Hooper die Geschichte nicht unwesentlich zugunsten der Dramaturgie abgewandelt hat. So wurde der echte Einar Wegener beispielsweise mit männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen geboren; davon ist in The Danish Girl nicht die Rede. Der Film geht mit seinem Thema zwar sensibel um, allzu sehr in Details will er sich aber lieber nicht verstricken. Und so erzählt er in erster Linie recht konventionell von der Liebe eines dänischen Künstlerpärchens. Einar Wegener (Eddie Redmayne) malt erfolgreich Landschaften, seine Frau Gerda (Alicia Vikander) Portraits. Bis sie eines Tages ein Modell braucht und ihrem Mann Seidenstrümpfe, ein Tutu und bestickte Pumps überhilft. Schnell ist die Figur der Lili erfunden, die Cousine Einars, die regelmäßig für Gerda modelt, sie zu Bällen begleitet und dort alle Blicke auf sich zieht. Es bleibt aber nicht bei dem Spiel. Irgendwann will – kann – Lili nicht mehr die Strümpfe abstreifen und wieder Einar sein. Transgender zu sein, das trifft sogar heute noch bei vielen Menschen auf Unverständnis. Dass es im Kopenhagen der 1920er Jahre ein Tabu war, brauche ich wohl nicht erst zu betonen.

Während die Dramaturgie von The Danish Girl zum Ende hin merklich ausfranzt, überzeugen die Schauspieler_Innen auf ganzer Linie. Für den Oscar mag Eddie Redmayne vielleicht ein paar zu wenige unterschiedliche Ausdrücke abrufen können, generell zeigt er aber ein erstaunlich sensibles Gespür für Körperhaltung und Mimik, ohne den Eindruck einer Travestie-Parodie zu erwecken. Noch umwerfender ist Alicia Vikander; in ihrem Part so präsent, dass sie neben Redmayne keinen Augenblick wie eine Nebenrolle wirkt. Sie kann eine Verführerin sein, eine kindliche Naivität an den Tag legen und im nächsten Moment Angst und Frustration aus ihrem Gesicht sprechen lassen.

© Universal Pictures International Germany GmbHBetrachtet man den Fokus der Narration in The Danish Girl, dann liegt der Vergleich mit Xavier Dolans Film Lawrence Anyways nah. Bei beiden steht nicht nur die Transformation der Protagonist_Innen im Mittelpunkt, sondern auch die der jeweiligen Ehefrauen. Sie haben bei genauem Hinsehen weniger mit ihren Partnerinnen zu kämpfen als mit sich selbst. Hin und hergerissen zwischen der Angst vor Veränderung und den Ansprüchen an die eigene Liberalität verdrängen sie ihre Gefühle so lange, bis sie unkontrolliert aus ihnen herausbrechen. Lili und Gerda bewegen sich zwar in einem progressiven Umfeld – Künstler, Tänzerinnen, Malerinnen, Experimente mit Homosexualität sind kein Thema, schon gar nicht in Paris, wohin sie später der Karriere zuliebe umziehen. Aber für Lilis Gefühle gibt es schlicht noch nicht einmal einen Namen.

Tom Hooper verlegt sich denn auch lieber auf das Zeigen, anstatt die Dinge beim Namen zu nennen. Ganz nah führt er die Kamera an den knisternden Organzastoff heran, arbeitet mit der Tiefenschärfe und langen Einstellungen, um Lilis Faszination in poetische, nahezu spürbare Bilder zu kleiden. Überhaupt sind sämtliche Kostüme in The Danish Girl ein einziger Genuss. Und auch vor Körpern schreckt er nicht zurück: er lässt Eddie Redmayne ausführlich vor dem Spiegel posieren und einmal – das ist wirklich ungewöhnlich – blinzeln uns sogar Schamlippen entgegen. Etwas verschattet und out of focus zwar – aber dennoch! Trotzdem bleibt Tom Hooper letztlich einer Hollywoodästhetik verpflichtet, die zwar für schöne Bilder sorgt, aber die eigentliche Brisanz seines Sujets zähmt, vielleicht sogar verharmlost. Ja, The Danish Girl zeigt Beziehungsprobleme, fiese Ärzte und Belästigungen auf der Straße. Und ja, es ist durchaus gerechtfertigt, eine Identitätsfindung nicht nur zu problematisieren, sondern auch als einen letztlich positiven Schritt hin zu einem zufriedeneren Selbst zu zeigen. Und doch ertrinkt das so aktuelle und relevante Thema ein wenig in seinem Dasein als wunderschöner Kostümfilm, als rührende Liebesgeschichte. Ein wenig mehr Risiko hätte ihm sicher gut getan.

Kinostart: 07. Januar 2016

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