NOAH BAUMBACH: MISTRESS AMERICA

„Man lernt doch neue Leute nicht im Seminar kennen.“ So oder so ähnlich muss einer meiner ersten Sätze geklungen haben, als ich während meiner ersten Uniwoche in Mainz bei meinen Eltern anrief. In Mistress America ist es Tracy (Lola Kirke) die diese Worte am Telefon zu ihrer Mutter sagt. Sie hat gerade ihr Studium in New York begonnen, Literatur. Und ihre Vorstellung von der Studienzeit ist genauso idealistisch romantisiert wie meine es war. Intelligente Menschen mit ähnlichen Interessen würde man treffen, jeden Abend auf eine andere Party gehen, existenzialistische Diskussion würde man führen und Bücherstapel weglesen. Und dann schafft man es nicht zur Erstsemesterveranstaltung und im ersten Seminar kennen sich schon alle. Aber eigentlich sehen die ohnehin uninteressant aus.

© Fox Searchlight PicturesTracy ruft in dieser anfänglichen Verzweiflung nicht nur ihre Mutter an, sondern auch Brooke (Greta Gerwig), die bald ihre Stiefschwester werden soll und schon ewig in New York lebt. Brooke willigt ein, Tracy die Stadt zu zeigen, sie treffen sich am Times Square und schon stecken wir mitten drin in Mistress America, dem neuen Film von Noah Baumbach. Und wie immer bei Baumbach ist es ein Film geworden, der sich mit gleich mehreren Themenkomplexen auseinandersetzt. ‚Wie immer bei Baumbach‘ – dieser Satz ist dabei zugleich Fluch und Segen.

Dinge, die wir von einem Noah Baumbach-Film erwarten und auch bekommen: eine tolle Besetzungsliste, witzig-clevere Dialoge, ein New York, in dem man am liebsten sofort selbst ein Restaurant eröffnen möchte (das gleichzeitig auch Friseur, Spielplatz und Möbelladen ist), überdrehte Figuren, intelligente Reflexionen über Kunst und Medium, alt und neu, Zitate und Ideenklau. Dinge, die wir von Noah Baumbach gerade erst gesehen haben: well, copy + paste. Vielleicht war es nicht die beste Idee, Mistress America in die Kinos zu bringen, nachdem erst vor einem knappen halben Jahr sein letzter Film Gefühlt Mitte Zwanzig lief. Diese Tatsache macht Mistress America natürlich nicht schlechter, sie beschwört aber den recht unmittelbaren Vergleich herauf. Beide Filme funktionieren ähnlich: sie bauen eine leicht verworren neurotische Geschichte auf, die sie dann gegen Ende in einem theatralen Finale kulminieren lassen.

© Fox Searchlight PicturesNur, dass die Hauptfiguren diesmal noch verlorener sind als das Ehepaar mit dem verlustig gegangenen Zeitgefühl in Gefühlt Mitte Zwanzig. Brooke wohnt in einem Apartment, das nicht ihr gehört, und versucht mit Geld, das ebenfalls nicht ihr gehört, ein Restaurant/Laden/Friseur in NYC zu eröffnen, während sie gleichzeitig auch als Nachhilfelehrerin, Spinning-Instructor und Interior Designer jobbt. Tracy hingegen fühlt sich einsam, desillusioniert, sogar der Schriftstellerclub ihrer Uni lehnt sie ab. Ein Thema für ihre neue Kurzgeschichte muss her, und wer würde sich dafür besser eignen als Brooke? Eine Figur wie aus… einem Film? Brooke ist laut und verrückt, schwankt beständig zwischen Euphorie und Lethargie, sie ist anstrengend und nervig und hat mich davon abgehalten, die erste Hälfte von Mistress America wirklich gut zu finden. Weil der Film damit Frauen als zumeist ignorant selbstbezogene Menschen darzustellen scheint, die auch mithilfe männlicher Unterstützung nichts auf die Reihe kriegen.

Der Film kriegt diese Kurve in der zweiten Hälfte noch gerade so. Als nämlich Tracys Voice-Over-Beschreibungen immer mehr danach klingen, als wäre die Darstellung Brookes eher eine Illustration der zugespitzten Beschreibungen in ihrer Kurzgeschichte. Als Noah Baumbach deutlich über die Dramaturgie seiner eigenen Geschichte nachzudenken beginnt und sein Konstrukt Strang für Strang aufdröselt. Für Mistress America als für sich stehendes Werk ist diese Wendung eine Gute. Für sein Oeuvre in der Gesamtheit ist es eher eine etwas bemühte Wiederholung.

Kinostart: 10. Dezember 2015

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