IN DEN STRAßEN LISSABONS

Etwas, das ich an Berlin liebe und das sich in Lissabon auch findet: Viertel, die so unterschiedlich sind, dass man sich in unterschiedlichen Städten wähnt. Meine Tage sind hier mit der Zeit alltäglicher geworden. Weniger Sightseeing, mehr normales Leben wie zuhause, ein bisschen Faulheit. Arbeit im Café, lange Spaziergänge.  Die Straßenkarte brauche ich seltener, dafür finde ich plötzlich Abkürzungen und werde auf den ganz bekannten Wegen schon ein wenig blind für Details.

Eine typische Route führt mich von meiner Straße – vorbei an einer Privatschule, deren Kinder karierte Schürzen mit runden Taschen auf dem Bauch tragen, es erinnert an alberne Figuren aus dämlichen Zeichentrickfilmen – durch den Jardim da Estrela, an der Basílica vorbei bis nach Lapa. Das Reichenviertel Lissabons, sonderbarerweise direkt neben dem abgerissenen Alcântara gelegen. Die Fenster hinter den glänzenden Gittern sind sauber und neu, irisierend pinke Bougainvillea wuchern über dicke Mauern. Eine Botschaft reiht sich an die Nächste, Hausmädchen in adrett gestreiften Uniformen verbringen ihre Raucherpause an den Straßenecken und Lapa scheint der einzige Ort in Lissabon mit ‚Rasen betreten verboten‘-Schildern zu sein.

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Heute geht es nicht weiter hinab nach Alcântara, sondern in nördlicher Richtung ins Campo De Ourique. In diesem modernen Wohnviertel sind die in Pastellfarben gestrichenen Häuser höher, die Bausubstanz besser, ausladende Baumkronen überschatten die Straßen. Es sieht aus, als würde hier das portugiesische Äquivalent zu Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg entstehen: kleine Boutiquen, das Pessoa-Kulturzentrum, teures Möbeldesign, ein fancy Sushi-Laden. Und dann doch wieder diese ursprünglichen Orte: ein schattiger Park, an dessen Tischen sich zwanzig, dreißig Männer gehobenen Alters zu Domino- und Kartenspielen treffen. Mit ihren Schiebermützen und dunklen Hornbrillen sehen viele von ihnen aus wie Intellektuelle aus den Siebziger Jahren. In einer alten Markthalle sind die Verkaufstresen schon abgeräumt, der Geruch nach Fisch hängt noch in der Luft. Es ist mitten in der Woche, aber die Atmosphäre erinnert eher an einen faulen Sonntagnachmittag im Spätsommer.

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An das Campo De Ourique schließt ein großer, alter Friedhof an, wie eine kleine Stadt in der Stadt. Mit breiten Wegen und unzähligen weißen Mausoleen, viele wahrscheinlich schmuckvoller und teurer als die Wohnungen ihrer Besitzer zu Lebzeiten. Die beste Aussicht haben Lissabons Feuerwehrmänner, ihre Gräber liegen auf einer eigenen Terrasse mit Blick auf das Alcântara-Tal, die Ponte do 25 Abril zur Linken, der Aqueduto das Águas Livres zur Rechten. Wundersamerweise blieb der imposante Aquädukt bei dem verheerenden Erdbeben von 1755 unversehrt. Benutzt wird er heute nicht mehr, begehen kann man ihn aber. Der Weg zum Aquädukt führt durch Campolide, ein recht gesichtsloses Viertel mit Wohnblocks, dominiert von einer Bausünde von einem Shoppingcenter.

Auf dem Aquädukt hat der Besucher die Wahl: entweder er begeht die backofenartige Sonnenseite und nimmt das Hautkrebsrisiko auf sich – oder er wählt die Schattenseite und erfriert im steten Windzug. Schnurgerade führt der schmale Steig weg von Campolide, über einen Bahnhof und die breite Autobahn. Der Berghang auf der anderen Seite ist eine gelebte soziale Hierarchiepyramide. Unten, wo die Autos vorbei rasen, sind die Häuser winzig, oft nur von Wellblech bedeckt und die Vogelperspektive vom Aquädukt gewährt einen Blick in zahlreiche verrümpelte Innenhöfe. Je weiter der Hang ansteigt, desto breiter werden die Straßen, desto höher die weißen Zäune vor den Einfamilienhäusern.


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Ganz ähnlich sieht es auf dem Santana aus, dem inoffiziellen siebten Hügel Lissabons. Das Auto gilt in Portugal noch als Statussymbol. Also steht unten vor den baufälligen Häusern in wahnwitziger Schräglage eine silbergraue Limousine nach der Anderen – Mercedes, BMW, Mercedes, Mercedes, Audi – und oben vor den sanierten Villen die Smarts und Minicooper. Oben findet sich auch das Goethe-Institut, in dem unter einem knorrigen Drachenbaum Erdinger-Weißbier-Sonnenschirme stehen und die Gäste einen Galão zu ihrer Currywurst bestellen können. Einfach weil.

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Im Norden der Stadt in Campo Grande erstreckt sich der Campus der Universidade de Lisboa über ein großes Areal. Grüne Parks und breite Alleen dominieren diesen Stadtteil, dazu die ausladenden Universitätsgebäude und Bibliotheken. Überall trifft man hier auf große Schülergruppen, die eine Art Initiatiosritus auszuführen scheinen. Augenscheinlich jüngere Schüler in weißen und gelben T-Shirts müssen die Aufgaben der Älteren erfüllen: die tragen einheitliche Uniform. Schwarze Anzüge und Kostüme, manche sogar bodenlange schwarz wallende Umhänge. Es sieht aus wie in der Generalversammlung von Slytherin. Überhaupt macht mich der geringe Altersdurchschnitt auf dem Campus nervös und dieses Gefühl, fehl am Platz zu sein erinnert an Mainz. Ein Wachmann spricht mich an, als ich im Foyer des Hauptgebäudes der Universität die Mosaikgemälde betrachten will und im Kopf lege ich mir schon eine passende Ausrede zu recht. Aber statt mich achtkantig rauszuwerfen erzählt er lieber von seinem Urlaub in Berlin in den 1980er Jahren, beide Seiten der Stadt habe er gesehen. Im Westen habe der Nachrichtensprecher dort immer nach Sonnenschein geklungen und im Osten nach Regen. Puh, der Gedanke an den deutschen Herbst stürzt mich schon jetzt in eine mittelschwere Depression.

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