ALBERNES LISSABON

Der erste Besuch hier in meinem Apartment in Lissabon ist schon wieder Geschichte und er hat zwar nicht die Stadt selbst verändert, dafür aber durchaus meinen Blick auf die Stadt. Alleine Reisen schärft den Blick: du folgst deinem eigenen Rhythmus, deinen eigenen Launen und Interessen, bist allein mit der Stadt und saugst jegliches Wissen auf, das sie dir offenbart. Am vergangenen Wochenende waren meine Eltern zu Besuch und es war Zeit für etwas Touristenprogramm im Schnelldurchlauf und einen Ausflug in die nahe gelegenen Orte im Umkreis von Lisboa – Sintra, Cascais.

Währenddessen las ich Euphoria, den neuen Roman von Lily King, die fiktionalisierte Geschichte eines Liebesdreiecks der Ethnologen um Margaret Mead. Die Lektüre war wie ein Flashback zurück zum Ambivalenzgefühl während der Zeit in Mainz: Ethnologie im Nebenfach, hin und hergerissen zwischen Faszination für die Methoden und Forschungssubjekte und Abneigung gegen die überraschend engstirnigen Menschen am Institut. Euphoria stellt die zentrale Frage der Forschungsdisziplin immer wieder: Wenn ich die Monographie eines Ethnologen lese – erfahre ich dann mehr über die beschriebene Kultur oder über ihn? Und verfälscht er nicht schon während der Feldforschung seine eigenen Ergebnisse durch seine bloße Anwesenheit?

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Ich fürchte, auf diese Notizen aus Lissabon trifft das Selbe zu. Ich bin wieder allein mit der Stadt, der Blick ist wieder geschärfter, die Wahrnehmung mehr nach außen gerichtet. Trotzdem wird der Leser dieses Blogs am Ende mehr über mich erfahren haben als über Lissabon. Es ist meine Perspektive auf die Stadt, ich kann es nicht ändern.

Am Wochenende bestand Lisboa für mich aus Espresso im Café a Brasileira (wo auch Pessoa einst saß), aus zuckrigen Pasteis in Belém und einer Fahrt mit der berühmten Tramlinie 28. Dinge, die Lisboetas höchstwahrscheinlich nicht tun, und doch gehören sie zur Erfahrung dieser Stadt, die wie jede Andere auch ihre Touristen beglücken will.

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strand_19Lissabon bestand aber auch aus einem Ausflug in das Bergdorf Sintra, in das Gartengelände Quinta da Regaleira. Ein verwunschener Ort um sich zu verlieren, grün bewuchert, voll von kleinen Seen und Wasserfällen, begehbaren Brunnenschächten und unterirdischen Grotten und Tunnelgängen, in der Mitte ein Palast im neomanuelinischen Stil. Jederzeit könnten Märchenwesen hinter der nächsten Wegbiegung lauern, so scheint es.

Am Cabo da Roca geht es weniger märchenhaft zu. Brutal peitscht der Wind gegen den westlichsten Punkt Europas, unter den Klippen brechen die Wellen gegen Felsgebilde und als die Polizei und Rettungskräfte sich mit einer Trage auf den steilen Abstieg begeben, überkommt uns ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

Nicht weniger heftig rauschen die Wellen am Praia do Guincho heran. Keine Holzbohlenwege führen zu dem kleinen Strand, die Gonzalo von We Hate Tourism Tours als seinen Lieblingsort deklariert. Wir müssen eine Schräge aus scharfkantigen Felsen hinabklettern und dann gilt es eine kurze Phase ohne Wellen abzuwarten. Auf allen Vieren robben wir durch einen halben Meter hohen Felsspalt und als wir auf der anderen Seite aus der Höhle treten, sind wir ganz allein in unserer Bucht. Allein mit zahlreichen Kameras und den Wellen. Lissabon war am vergangenen Wochenende vor allem albern.

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