DER STILLSTE ORT IN LISSABON

An schwülheißen Tagen in Lissabon, an denen dich selbst die erfrischende Brise vom Tejo im Stich lässt, ist die Hitze am leichtesten im dichten Schatten eines Arboretums auszuhalten. Der Jardim Botânico ist nicht weit von mir entfernt. Klein sieht er aus, und dann kann ich darin doch viel mehr Zeit verplempern als zuerst angenommen. Habe mich von den Rasensprengern besprenkeln lassen, hunderte Grüntöne gezählt, dem Rascheln der Echsen am Wegesrand gelauscht und die Zeit vergessen. Und schließlich eine meiner großen Phobien überwunden und ein Schmetterlingshaus betreten. Ein Kleines, für den Anfang, und mich gehörig gegruselt. Sie mögen ja mit ihren bunten Flecken versuchen harmlos zu wirken, aber Schmetterlinge führen etwas im Schilde, da bin ich mir sicher.

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Man könnte Lissabon als eine Therapie verschreiben. Gegen Pessimismus und Ängste, Paranoia und Stress. Die Stadt hat etwas Ganz und Gar Unbedrohliches an sich. Fast allein, zwischen unübersichtlichen Bäumen und Farnen sind die Intervalle zwischen den Blicken über die Schulter bei mir sonst nicht lang. Hier ist das anders. Die Entspanntheit der Stadt überträgt sich auf ihre Menschen und auf mich und ich erwarte nur das Beste vom Leben, von den Leuten. Die Augen entspannen schnell im Botanischen Garten, nur die Ohren nicht. Vögel kreischen schrill von den Bäumen herab, von jenseits der Mauer sind Autos, Gespräche, Polizeisirenen zu vernehmen. Es ist fast ein bisschen nervig, so wie die Touristenströme in Belém.

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In den berühmten Westteil der Stadt bin ich am Montag gefahren, weil er einfach mit dazugehört. Pasteis de Belém probieren, die manuelinischen Verzierungen des Mosteiro dos Jerónimos bestaunen und am Ufer zum Torre de Belém spazieren, dem meist fotografierten Wahrzeichens Lisboas. Der Superlativ deutet es bereits an: sämtliche Asiaten, die die Stadt besuchen, scheinen sich ausschließlich hier zu tummeln. Touristen von überall, die Sommerkleider so kreischend wie die Blitze aus den Fotoapparaten. Die warmen Pasteis sind gut, aber Belém ist vor Allem dazu geeignet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Kaum etwas kann dort so richtig begeistern, abgesehen von dem blauen Himmel, dem glitzernden Wasser, dem kühlen Wind, der noch nicht einmal Notiz davon nehmen lässt, wenn sich langsam die Haut unter der gleißenden Sonne kräuselt.

Für Ausstellungen ist das Wetter zu schön, also geht der Spaziergang etwas ernüchtert weiter, vorbei am Torre und dem Museo do Combatente, vor dem gerade drei Soldaten die Wache ablösen. Wie sie da marschieren, erinnern sie an die Römer in Asterix, ein lächerlicher, kleiner Haufen, überflüssige Angehörige einer alten Welt. Einmal um die Ecke gebogen, kommt die Fundação Champalimaud in Sicht, ein heller, ausladender Bau, in dem die medizinische Zunft forscht. Ein schmaler Weg liegt zwischen Gebäude und Wasser, an dessen Ende die Einfahrt in einen kleinen Hafen. Niemand sitzt hier mehr, niemand läuft hier entlang, keine Musik, Gespräche oder Rauschen von der nah gelegenen Autobahn dringen mehr hierher. Nur der Wind, das Wasser, ab und zu kreischt eine Möwe; ein paar Kilometer Tejo trennen mich von der Mündung in den Atlantik. Dieses entrückte Plätzchen aus hartem Beton, das muss er sein, der stillste Ort in ganz Lissabon.

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