10 DINGE, DIE DIR LISSABON BEIBRINGEN KANN

Wer erinnert sich noch an den Fotografen, der mich unterwegs ansprach? Mit eben Jenem (und seinem Pitbull Neymar) war ich am Wochenende unterwegs – zu Fuß durch Lissabon. Fast zwanzig Kilometer sind wir gelaufen. Und weil es für die armen Fotomodelle ziemlich verwirrend sein muss, wenn gleich zwei Kameras gleichzeitig auf sie gerichtet sind, habe ich mich vornehm zurückgehalten und stattdessen zugesehen, zugehört, gestaunt. Es gibt viel zu lernen.

 

01. Für einen Schluck ist es nie zu früh. Oder zu spät. Oder zu heiß. Zur Wahl steht zum Beispiel der Lissabonner Ginjinha, ein Kirschlikör. Oder der Dessertwein Moscatel aus Setúbal, so süß, dass er beinahe an chinesischen Pflaumenwein erinnert. Oder (und das ist mein Favorit) Amarguinha, ein Mandelschnaps von der Algarve mit einem Spritzer Limette, frisch ins Glas gepresst. Überhaupt ist alles besser mit einem Drink. Erdbeben, Tsunami, Feuer? Solange das Bier in der Hand kühl ist, halten wir das schon aus. Bacalhau und Bifana nicht vergessen: Essen ist ein soziales Fest.

02. Sei mehrsprachig! Portugiesen können, ohne es je wirklich gelernt zu haben, automatisch ins akzentfreie Spanisch switchen. Während die Spanier auch nach Jahren oft kein Wort Portugiesisch herausbekommen. Das willst du nicht. Denn wenn etwas in der portugiesischen Sprache angelegt ist, dann, sich über seinen Gegenüber lustig zu machen, ohne dass er es merkt.

03. Nur nicht so schweigsam! Kommt jemand in Lissabon zum zweiten oder sogar dritten Mal in ein Café und redet nicht… Dann kann mit ihm etwas ganz gewaltig nicht stimmen.

04. Verliebe dich ruhig in das Land, aber übernimm bloß nicht alles: In Portugal gewinnt der Kandidat mit dem bekanntesten Gesicht die Wahl. Deswegen lag kürzlich in einer Umfrage zum fähigsten Politiker des Landes unglaublicherweise der Diktator Salazar vorn. Und ein Hobby der jungen Leute ist es, lang und ausführlich auf ihre Regierung zu schimpfen.

05. Respektiere den Fado. Es gilt als touristisch und nicht gern gesehen, Fado zu hören und dabei zu Abend zu essen. Wer ihn respektiert, trinkt dabei nur ein Gläschen (siehe Punkt 1). Auch junge Leute entdecken ihn erst seit ein paar Jahren wieder für sich.

06. Wisse deinen Kaffee zu schätzen! Alles, was in Portugal kulturell, intellektuell oder politisch von Bedeutung war, wurde in Kaffeehäusern geplant und umgesetzt. Kein Wunder, dass mir das Land so sympathisch ist.

07. Informiere dich! Tatsächlich wird von Bica viel eher in Porto gesprochen als in Lisboa. Hier heißt der Espresso schlicht Café. Aber nichtsdestotrotz: Bica ist ein Akronym für „Beba isso com açúcar“ – „Trink das mit Zucker.“

08. Wisse, was gut ist. Der Klischee-Lisboeta mag seine Routine. Nicht viel in die Sonne, jeden Tag ins gleiche Kaffeehaus, jedes Sommerwochenende an den gleichen Strand.

09. Poesie sollte ein größerer Teil des Alltagsleben sein. Mit welchem Lissabonner ich mich bisher auch immer unterhalten habe: sie alle kommen irgendwann auf Fernando Pessoa zu sprechen, das autistische Schriftstellergenie mit den drei literarischen Alter Egos.

10. Besinne dich auf die Spleens deines Landes, sie machen es liebenswerter. Portugal ist voll von Legenden um verschwundene Könige und Abenteuergeschichten aus der Kolonialzeit. Eine nette Anekdote: auf dem Terreiro do Paço legten früher die Schiffe bei der Heimkehr von ihren Expeditionen an. Und weil sie zahlreiche exotische Waren für den jeweiligen Machthabenden an Bord hatten, wurde der Platz nicht selten von Elefanten, Leoparden und anderem Getier heimgesucht. 1515 erreichte erstmals ein Rhinozeros Europa, ein diplomatisches Geschenk von Indien. Es hatte all die Seemeilen überlebt, aber seekrank wie es war, taumelte es von den Holzplanken und ertrank Meter vor der Hafenmauer. Ihm zu Ehren wurde der Torre de Belém mit dem Relief eines Rhinozeros geschmückt, das dort noch immer zu bestaunen ist. Ein Nashorn für die Ewigkeit. Nur, dass das arme Tier nicht allzu viel davon hatte.

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Übrigens: die Arbeiten von Diogo Costa könnt ihr hier sehen.

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