AUF WAHRHEITSSUCHE IN LISSABON

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Zu Fuß zur LX Factory laufen, laut Karte dauert es schließlich nur eine gute halbe Stunde, und wer mit steinharten Waden aus Lissabon zurückkommen will, der läuft. Man ist dann doch recht schnell aus meinem Viertel Estrela heraus und landet in einer Gegend, in die sich nicht nur kein Tourist mehr verirrt. Steil den Hügel hinuntergeschlittert, da ist plötzlich weit und breit keine Frau mehr auf den Straßen zu sehen. Es war vielleicht nicht die klügste Idee, hierher mit nackten Beinen zu kommen und mit einer fetten Spiegelreflex, die vor meinem Bauch schaukelt. Aber um Werner Herzog (dieses Mal _den_ Werner Herzog) zu zitieren – in seinen Regeln zum Gelingen eines Films schrieb er sinngemäß: der Tag, an dem es für ein Zurück zu spät ist, ist der erste Tag. Ich übertrage das frei auf meine Situation. Außerdem bietet mein Ghetto zuhause das bei Weitem beste Training für solche Gegenden. Jede Frau, die im Gesundbrunnen wohnt, hat ihn drauf, den knallharten Tunnelblick bei völlig unbeteiligtem Pokerface.

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In den Hauptstraße der Alcântara ist dann alles wieder entspannt; dem Viertel, das dominiert wird von der Ponte 25 de Abril, die gigantös aus ihm erwächst. Hier liegt die LX Factory, ein ehemaliges Industriegelände, mittlerweile bevölkert von Ateliers, Cafés und Restaurants, Boutiquen und Street Art. Vor den Eingängen zum Gelände verfallene Häuser, in zehn Jahren wahrscheinlich unbezahlbar. In den Geschäften sitzen junge Frauen mit ernsten Gesichtern hinter den Tresen, versunken in ihre Macbooks. Am Schönsten ist der Bücherladen, der sich über mehrere Stockwerke erstreckt und gleichzeitig auch ein Café, eine Bar und das Atelier eines Künstlers beherbergt. Bei ihm sieht es aus, als hätte Daniel Düsentrieb Salvador Dalís Uhren für sich entdeckt. Seltsame Gerätschaften ticken und surren, skurrile Mischgebilde aus Spielzeug und Zeitmessern mit verschroben philosophischer Note.

Abendessen in der Sonne. Eine dieser Gelegenheiten, bei denen Alleinreisende gern fragend angeschaut werden, wenn sie ihre Habseligkeiten auf einem Tisch ausbreiten – Kamera, Stift, Notizbuch, Lektüre – und beim Essen neugierig in der Gegend herumschauen, statt in die Augen eines Gegenübers. Die Welten liegen in Lissabon nah beieinander: die LX Factory ist Hipster City, ein paar Schritte führen wieder ins schäbige Alcântara, angrenzend an Lapa, eines der reichsten Viertel der Stadt. Neugier und Entdeckungslust siegen und soll ein gezackter Blitz aus dem Olymp der Feministinnen mich treffen, wenn ich mich von ein paar anzüglichen Blicken von meinem Spaziergang abbringen lasse!

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lissabon_08lissabon_06Wozu einen ganzen Monat in einer Stadt verbringen, wenn man am Ende doch nur die glattpolierten Oberflächen der Touristenattraktionen zu sehen bekommt. So ähnlich klingt auch die Philosophie von We Hate Tourism Tours, einer kleinen Firma, die Ausflüge in und um Lissabon anbietet und mit denen ich am Freitag in einem offenen Jeep durch die Stadt gehoppelt bin. Fragen zu Religion und Politik dringend erwünscht! Ein paar Wahrzeichen stehen auf dem Programm – Alfama, das alte Expo-Gelände, die Ponte 25 do Abril – aber eben auch die Arbeiterviertel und heruntergekommenen Vororte von Lissabon, in denen monströse Plattenbauten auf vertrockneten Wiesen stehen wie versprengte Ufos. WHTT wollen eine Version ihrer Stadt zeigen, die einer Wahrheit möglichst nahe kommt.

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Also zu Fuß zurück nach Estrela. So vorgewarnt und ohne den auf das Ende der Straße fokussierten Tunnelblick lässt sich auch hier das Schöne entdecken. Aus einer Schauspielschule dringen die Geräusche einer Improvisationsübung, eine andere Straße ist von fetten Katzen besetzt. Die tief stehende Sonne überzieht das Viertel mit einem Filter in Dunkelorange und meine Waden erreichen die Festigkeit von Pressspanplatten. Als wieder die Schatten lang werden, wartet ein kühles Glas grünen Weines auf dem Balkon.

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