POSTKARTEN-LISSABON

Gegen Sechs werden langsam die Schatten lang in Lissabon. Ich sitze am Ufer des Rio Tejo, am Ende des Terreiro do Paço, der eigentlich Praça do Comércio heißt, aber auch ohne Königspalast noch im Volksmund so genannt wird. Jedoch eigentlich interessiert mich die Geschichte Lissabons gerade gar nicht. Der Blick bewegt sich mit dem Fluss bis zur Mündung in den Ozean, die etwas verwaschen in der Ferne auszumachen ist. Wenn der Windzug für einen Moment abreißt, wird spürbar, wie warm die Sonne noch herabscheint. Die meiste Zeit bläst er hier am Ufer so stark, dass er die Umgebungsgeräusche völlig ausblendet. Dann die Augen schließen – Lisboa ist eine Stadt zum Meditieren, ganz ohne das Meditieren zu beherrschen.

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Eine zen-mäßige Ruhe hat mich beschlichen. Die Stadt bremst mich aus. Vielleicht liegt es an dem wunderbaren Gefühl, hier über Zeit zu verfügen. Vielleicht auch daran, dass unterwegs kein Internet ablenkt oder in den meisten Gassen und Stiegen der Alfama keine Autos fahren. Vielleicht an dem Vorteil als Alleinreisende nicht reden zu müssen. Zum Bica Bestellen habe ich heute ein paar Worte verloren.

Der Weg hat mich in die Altstadt geführt, die sich an den Burghügel schmiegt. Und damit in das Postkarten-Lissabon. Es existiere keine einzige Karte, die wirklich jede Straße und jeden Durchgang der Alfama aufzeichne, heißt es, und nach einem Spaziergang durch die Gegend verstehe ich das. Es ist ohnehin zu schön, um auf den eigenen Weg zu achten. Hinter jeder Ecke offenbart sich ein neuer Blick, ein neu saniertes Gebäude neben einer baufälligen Ruine. Die Alfama ist Baustelle und Postkartenklischee, raues Armenviertel und ein Ort, um sich zu verlieren.

An diesem frühen Abend am Rio Tejo liegt wieder ein Tag in Lissabon hinter mir. Ein guter Tag, ein Anstrengender. Mein Zen hält alles im Fluss: die meisten Touristen, die mir heute begegneten, waren Deutsche. Egal. Nur ein Schnelldurchlauf: Phönizier, Römer, Mauren, egal. Das linke Knie ziept und der rechte kleine Zeh. Egal. Jemand lässt mich auf der Rolltreppe nicht rechts überholen – sonst ein Grund zum aus der Haut fahren – es könnt‘ mir nicht egaler sein. In der U-Bahn spricht mich ein junger Mann an, der mir seine Arbeiten zeigt. Ein Fotograf, der die Menschen in den Straßen Lissabons portraitiert. Er will schon seine Kamera zücken und eigentlich hat es einen Grund, wieso ich selbst am liebsten hinter Einer verschwinde. Egal.

Eine Frage gibt es aber doch, die sich hier, am Ufer des Rio Tejo, in meinen ziellos mäandernden Gedankenfluss eingeschlichen hat: wenn dieser September in Lissabon vorbei ist… Wann schaffe ich es dann wieder her?

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4 Comments

  • Katharina
    2 Jahren ago

    Schöner Eintrag. Egal. Weiterschreiben.

  • 2 Jahren ago

    Schöner Artikel – auch die anderen über Lissabon. Zu dem hier kann ich nur sagen: Sie haben „paciência“ verinnerlicht, die typisch portugiesische Gelassenheit. Was nutzt es, sich über Dinge aufzuregen, die man eh nicht ändern kann (etwa fast nur auf deutsche Touristen zu treffen ;))
    É a vida, sagen die Portugiesen. So ist’s eben im Leben!
    Ich wünsche Ihnen noch eine wunderschöne Zeit in Lissabon – und ich bin mir sicher: Sie werden wiederkommen.

    • katrindoerksen
      2 Jahren ago

      Vielen Dank für das Feedback! So langsam hab ich auch das Gefühl, dass ich wiederkommen muss. 🙂

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