LISSABON – DAS BESSERE BERLIN?

In einem Artikel auf The Spaces, auf den mich Rochus freundlicherweise hinwies, stellt die Autorin die Frage: Is Lisbon the next Berlin? Nun, wenn ich mir den Mercado da Ribeira so ansehe, würde ich sagen: Lissabon ist sogar das bessere Berlin.

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Selbstverständlich bin ich da parteiisch: eine Stadt, die es mir erlaubt, im September auf einem sonnigen Balkon zu frühstücken, schließe ich automatisch in mein Herz. Der Morgen begann mit etwas Arbeit und sie war noch nicht mal ganz fertig, da klingelte es an der Tür. Vier Stockwerke musste der arme Lieferant meinen Koffer hinaufwuchten, und die hübsch geflieste Eingangshalle täuscht: die Treppen sind hölzern, dunkel und schmal, nicht unbedingt ein Vergnügen mit einem Monstrum von Koffer am Hals. Aber apropos Treppenhaus. Im Gesundbrunnen läuft es so: hört man seinen Nachbarn die Wohnung verlassen, bleibt man selbst noch ein paar Sekunden hinter der geschlossenen Tür stehen, um sich nur ja nicht zu begegnen und sich – der Himmel bewahre – vielleicht noch Guten Tag sagen zu müssen. Einige meiner Nachbarn habe ich auch nach zwei Jahren noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Hier in Lissabon scheint das Treppenhaus dagegen eher eine willkommene Erweiterung der eigenen Wohnung zu sein. Kinder und Hunde poltern herauf und wieder runter und klingelt es an der Haustür, gehen gleich mehrere Türen auf und die Bewohner rufen herunter. Es könnte ja sein, dass sie den Gast ebenfalls kennen und sich ein Pläuschchen anbietet. In der ersten Nacht haben mich die Geräusche anfangs noch irritiert – manchmal klang es, als stünden die Nachbarn direkt in der Wohnung. Mittlerweile gewinne ich die Geräuschkulisse lieb. Allein braucht sich in Lissabon wirklich niemand fühlen.

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Der Koffer kommt also an, die Arbeit ist getan und das Frühstück steht auf dem Balkon – ein wenig Tagesplanung ist geboten. Und dann geht es los: mit der Metro – sehr übersichtlich nach Farben sortiert – bis ans Ufer des Rio Tejo, wo ich zu meinem ersten Spaziergang durch Baixa/Chiado aufbreche. In der Einkaufsstraße Rua Augusta wird Lissabon zu einem Nicht-Ort, hauptsächlich H&M und Vodafone haben sich hier niedergelassen. Aber schon um die Ecke lauert wieder das Besondere: der Elevador de Santa Justa verbindet die Ober- und Unterstadt und in den Ecken des Chiado verstecken sich kleine Besonderheiten. Die älteste Buchhandlung Portugals oder diese komische Statue eines Mannes auf einer Bank. Ästhetisch eher unbedeutend, also werfe ich nur im Vorbeigehen einen Blick und gehe weiter.

Pause. Im Schatten einer Statue einen Blick auf die Karte riskieren, ein Schluck Wasser; ob es hier Wifi gibt? „Sorry, can you watch my bag for a second?“ spricht mich ein junger Mann an. Er und ich, wir haben eine Gemeinsamkeit: wir beide sind gestern in Lissabon angekommen. Ich bin allerdings mit Sack und Pack in ein Apartment gezogen. Sein ganzer Besitz besteht aus einer schmuddeligen Wolldecke in einem Plastikbeutel. Aber am liebsten redet er über Poesie – über die von Fernando Pessoa, seinem Lieblingsdichter. Ob ich nicht die Statue da vorn vor dem Café gesehen habe? Der bronzene Mann auf der Bank! Ich hätte doch nicht so mir nichts, dir nichts an ihm vorbeigehen sollen.

 

 

Langsam ächzen die Beine, die zweidimensionalen Straßenkarten gießen nämlich nur Hohn und Spott über ihrem Betrachter aus. Die Hügel der Stadt und vor allem das Viertel Bica bieten zahllose umwerfende Ausblicke und Perspektiven, aber eben auch ein ständiges Auf und Ab mit akuter Ausrutschgefahr auf glattgetretenen Pflastersteinen. Deswegen gleicht der erste Schritt in den Time Out Mercado da Ribeira einem Schritt ins Paradies. Der Berliner stelle sich den Street Food Thursday in der Markthalle Neun vor, nur größer, schöner, besser und jeden Tag geöffnet. Holztische in der Mitte, alles was das Herz begehrt drum herum. Berlin wird immer meine große Liebe bleiben. Aber was alte Hallen mit essbarem Inneren angeht, hat Lissabon gewonnen.

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