START SCHWIERIGKEITEN

Hier im Jardim da Estrela gibt es eine Kletterspinne aus rotem Seil, genauso eine, wie sie früher auf dem Schulhof meiner Kindheit stand. Ich bin so oft an diesem Ungetüm hinaufgeklettert, dass ich es noch heute mit geschlossenen Augen könnte. So sehr haben sich die Bewegungen in meinem Körpergedächtnis eingeprägt. Die Kletterspinne hier ist aber doch nicht ganz genau so wie zuhause. Eine ihrer Ecken endet nämlich in einer kleinen Brücke, die herüberreicht zu einer Zweiten. In dieser kleinen Beobachtung steckt schon eine ganze Menge von dem, was Lissabon auf den ersten Blick für mich ausmacht.

Der Beginn dieser kleinen Reise stand nicht unbedingt unter dem besten Stern. „We have problems with starting the engines“, verkündete der Pilot in Berlin-Tegel und fuhr das Flugzeug zurück zum Terminal, bevor der Start schließlich beim zweiten Versuch gelang. Was meiner leichten Flugnervosität nicht gerade zur Ruhe gereichte. Angekommen in Lissabon dann die nervtötende Warterei am Gepäckband. Beruhigendweise mit einer Handvoll anderer Unglücklicher. Nur leider vergebens. Unsere Koffer waren in Brüssel stehen geblieben.

Die Luft im Jardim da Estrela riecht so blumig geschwängert wie in einem Botanischen Garten. Ein bisschen erinnert er mich an die Parks in Paris – von einem Zaun umgeben, gepflegte Beete  – Betreten verboten – wechseln sich mit Liegewiesen ab, ein paar elegante Statuen und Brunnen säumen die breiten Wege, auf denen Jogger sich zwischen Familien und Hunde-Ausführern hindurchschlängeln. Aber das hier ist die sozialere Version der Pariser Parks. Mit kleinen Imbisständen auf der Wiese, so strategisch günstig positioniert, das der letzte Abendsonnenschein auf sie fällt. Studenten sitzen im Gras, Rastafaris bolzen auf der Wiese, alte Männer lesen auf der Bank ihre Zeitung und im Zentrum des Parks stehen Plastikstühle vor einer großen Leinwand. In der ersten Septemberwoche werden hier abends kostenlos Filme gezeigt.

Katrin Doerksen

Es ist diese Mischung aus vertraut Erscheinendem und neuen Eindrücken, die meinen ersten flüchtigen Eindruck von Lissabon ausmacht. Das vertraute Gefühl von Wärme, von Südeuropa, davon, das erste Mal an einem neuen Ort anzukommen. Aber dazu diese ganz besondere portugiesische Note, die ich bisher noch nicht kannte. Ein Eisladen, in dem nicht nur Stühle um die Tische herum stehen, sondern Schaukeln als Sitzgelegenheit von der Decke herabhängen. Dieser Park, in dem sich Laubbäume mit Palmen abwechseln. Der Duft nach Knoblauch und warmen Gewürzen, die aus der Küche gegenüber an meinem Balkon vorbeischweben. Die filigran handbemalten Fliesen an den Fassaden der Gebäude. Die Jesusstatue mit den ausgebreiteten Armen, über die ich vorhin flog, und die lange Brücke über den Rio Tejo, die an die Golden Gate Bridge erinnert.

Ich nehme all das durch einen milchigen Schleier träger Müdigkeit wahr. Um halb Vier hatte am Morgen der Wecker geklingelt und gerade erst ein paar Stunden zuvor begann die Reise sich real anzufühlen. Nämlich als ich den Koffer zu packen begann, der mir nun noch zu meinem Glück fehlt. Hier begrüßt mich stattdessen die freundliche Sara und weist mich in sämtliche Ecken des Apartments ein. Erklärt mir den Umgang mit dem Gasdurchlauferhitzer. Mir, die sich früher schon fürchtete, im Chemieunterricht den Brenner anzuzünden. Als es damit ein Problem gibt, kommt der liebenswürdige Nachbar herein, ein knubbeliger kleiner Herr mit Halbglatze, der nur Portugiesisch spricht, aber mir trotzdem begreiflich macht: wenn ich Hilfe brauche, soll ich jederzeit klopfen. Ich nicke freundlich lächelnd – Boa tarde, bem, muito obrigada – und stelle langsam fest, dass das portugiesische Portugiesisch so gut wie nichts mit meinem Brasilianischen zu tun hat. Ich lausche verzückt dem Schwall weich vernuschelter Zischlaute und wünsche mir doch nichts sehnlicher, als in der Hängematte zu versacken, die draußen auf dem Balkon in der Sonne schaukelt. Ich gehe gegenüber zum Einkaufen, frohlocke angesichts des Kokoswassers in großen Verpackungen (jedes verdammte Land, Deutschland, warum du nicht auch?) und will doch nur endlich die Augen schließen.

Ich bin in all der tranigen Umnachtung schockverliebt und fühle mich trotzdem ein bisschen verloren, allein in diesem noch fremden Apartment ohne meine Sachen und diesen sorgsam gepackten Koffer, der doch das Ganze erst real werden ließ. Am Abend endlich der ersehnte Anruf. Gebrochenes Englisch, eine sonore Stimme: morgen früh um Neun wird es an der Tür klingeln und jemand wird mir das Gepäck bringen. Darauf habe ich gewartet. Ins Bett mit mir. Morgen beginnt meine Reise.

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