VOM GESUNDBRUNNEN ÜBER ITALIEN NACH KANADA (UND ZURÜCK)

Jeff_Wall_in_2014
Jeff Wall 2014 von Pmussler – Creative Commons

Es funktioniert wirklich, das mit den kleinen Reisen im Café! Letzte Woche bin ich bei mir um die Ecke gegangen und da war es: das Il Milanese del Tacco, ein winziges Café in der Wüste Gesundbrunnen. Der Name ist nicht vorgeschoben – mit dem italienischen Besitzer kam ich bald ins Gespräch. Und ich komme nie ins Gespräch! Schon bald erzählte Filippo von seiner Arbeit als Bildredakteur in Mailand während der Neunziger Jahre und es entsponn sich eine schöne Fachsimpelei über Film und Fotografie – unterbrochen nur von einem zauseligen Typen an der Kasse, der mir umgehend als Agent der Einstürzenden Neubauten vorgestellt wurde. Da geh ich wieder hin!

Aber nun zum eigentlichen Anliegen. Auf seinem iPad kramte Filippo die Arbeiten eines seiner Lieblingsfotografen hervor. Wahrscheinlich oute ich mich nun als verachtenswerter Kunstbanause, aber von Einem hatte ich noch nie zuvor gehört. Und da fiel es mir wieder ein! L’âge d’or beschäftigt sich nicht nur mit Film, sondern auch mit Fotografie! Ich werde meine kleine Privat-Nachhilfestunde in moderner Fotokunst einfach mit euch teilen.

Jeff Wall heißt der gute Mann, dem Filippos ganze Bewunderung gilt. Der Kanadier, so wurde mir erklärt, setze gern landschaftliche Schönheit mit urbanem Verfall in Kontrast. Eines seiner Bilder ist ganz besonders nachhaltig beeindruckend – nur nicht auf den ersten Blick.

Men Waiting sieht aus wie eine recht hübsch komponierte, letztlich aber doch eher unspektakuläre Momentaufnahme. Das Foto stammt aus dem Jahre 2006, wir befinden uns in irgendeiner heruntergekommenen Industriestadt, an einem besonders tristen Ort: hier warten Arbeitslose stundenlang auf einen Gelegenheitsjob. Ok, dann hat das Bild also dokumentarische Qualitäten, können wir nun achselzuckend feststellen. Es lohnt sich aber ein zweites Mal hinzuschauen, denn die wahre Entstehungsgeschichte von Men Waiting sieht anders aus.

Tatsächlich sehen wir hier ein inszeniertes Bild. Die wartenden Männer sind wirklich Arbeitslose, jedoch wurden sie für die Fotografie von Wall engagiert, bezahlt und angeordnet. Was wir zu sehen glauben und umgehend in einen bestimmten Kontext einordnen, stellt sich als viel komplexere Situation heraus. Jeff Wall hilft den Arbeitslosen mit seinem Engagement ganz praktisch und kommentiert mit seinem Bild soziale Missstände. Aber gleichzeitig erinnert er den Betrachter auch daran, sich nicht mit dem ersten Eindruck zufriedenzugeben.

Es sei möglich, mit der Kamera die Realität einzufangen. Diesen Satz hört man oft, wenn jemand beginnt, noch ganz zaghaft und kindlich naiv die Fotografie für sich zu entdecken. Jeff Wall macht auf den zweiten Blick deutlich, um welch schwerwiegenden Trugschluss es sich dabei handelt. Gleichzeitig steht die (dokumentarische) Fotografie aber auch immer wieder im Mittelpunkt eines erbitterten Kreuzfeuers. Die Medien lügen systematisch und malen ihr eigenes selbstgerechtes Bild, heißt es gern aus Mund und Feder kleingeistiger Verschwörungstheoretiker. Wer von sich aus weiß, dass ein Foto nie eine komplexe Realität aus sich heraus vollständig abbilden kann, muss sich von solchen pseudointellektuellen Parolen nicht verrückt machen lassen.


 

Apropos Reise:

Was ich einfach noch loswerden mag, weil ich schon ein bisschen stolz bin. Vor anderthalb Wochen hab ich zum ersten Mal eine Lesung gehalten und meinen alten Reisebericht Paralleluniversum noch einmal hervorgeholt. Trotz Hitze, Gwen-Stefani-Mikro und Nervosität war’s toll. Danke an alle, die da waren und die Daumen gedrückt haben! An meinen Papa für die Bilder und das Richter’s für die Location.

  • © Frank-Peter Doerksen
  • © Frank-Peter Doerksen

1 Comment

  • 2 Jahren ago

    Ja, Jeff Wall ist toll. Über den hatte ich damals im Studium im Fotografie-Seminar ein Referat gehalten. So tolle Bilder. Und eben inszeniert, da ist gleich wieder die Verbindung zum Film da. Hat auch Spaß gemacht selbst Bilder in seinem Stil zu inszenieren. Muss mal schauen, ob ich die noch irgendwo finde… 🙂

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