KATRIN’S HANDY GUIDE TO CREATING A STORM IN A COFFEECUP

Processed with VSCOcam with a6 presetFrustrierend, dieser Gedanke, jeden Tag am selben Schreibtisch zu sitzen, die selben Wege zu gehen, sich in einem Kreis zu drehen, der eigentlich ein Rechteck ist, bestehend aus den selben vier Wänden, Tag für Tag. Nichts erscheint dann verlockender, aber auch gar nichts, als das Fenster.

Nicht hinaus auf die Straße, sondern hinein in das Internet mit seinen bunten Überraschungen hinter jedem neuen Klick, der süßen Verheißung, die es verspricht. Das Chatfenster: raus mit dem Gedanken bis er im Hintergrund verblasst. Von Artikel zu – klick – Artikel – klick, klack – die Uhr.

Schreiben sei eine einsame Profession, heißt es, aber wenn die Stille zu drücken beginnt, dann drückt sie auch die Worte ab, die eigentlich sprudeln sollten.

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Auf Reisen geht das mit dem Schreiben am Besten. Neue Wände, neues Licht, neue Menschen, neue Blicke, neue Reize führen zu neuen Worten. Aber wenn du keinen privaten Helikopter im Hinterhof dein Eigen nennst, der dich Woche für Woche den Ort wechseln lässt, dann gib die Hoffnung nicht auf, du kannst die Rettung finden. Gleich bei dir um die Ecke ist der ideale Ort. Und wenn du dem Genuss gewachsen bist, in einer Großstadt zu leben die den Namen verdient, dann wirst du hinter jeder weiteren Ecke noch einen weiteren Ort finden.

Du glaubst mir nicht? Wage den Schritt. In ein Café.

Sitzt du in dem Richtigen, dann wird es wirken wie eine Reise im Taschenformat und du wirst ihn erleben, deinen ganz persönlichen storm in a teacup – oder coffeecup, wie die meisten Schreiberlinge es wohl bevorzugen würden.

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Ängste? Bedenken? Keine Sorge, dafür bin ich ja da. Tatsächlich gibt es nämlich ein paar Regeln zu beachten.

1. Wähle ein Café, das nicht zu deinen Stammlokalen gehört, sonst starrst du am Ende doch wieder nur auf diese eine, immer gleiche Wand. Der Ort deiner Wahl sollte nicht zu leer und abgelegen sein, damit auch ja der Reise-Effekt nicht verloren geht. Neue Reize, du erinnerst dich.

2. Zu voll darf es aber auch nicht sein. Sonst ergeht es dir wie mir in diesem gehypten Laden im Weinbergsweg, zwischen überambitionierten Schauspielerinnen und Möchtegern-B-Klasse-Moderatoren, die unbedingt alle Anwesenden auf ihre Existenz hinweisen müssen. Das allein wäre schon einen Artikel wert, aber viellicht nicht gerade den, auf den du dich zu konzentrieren versuchst.

3. Sollen auch deine Geschmacksknospen auf die Reise gehen? Dann wähle ein Café mit einem minimalistischen Logo. Kreise, Dreiecke, Pfeile, Retroschrift und der Anhang ‚Est. 2013’ sind ein untrügerisches Zeichen: hier wird Kaffee selbst geröstet oder zumindest fair gehandelt. Die Mitarbeiter hinter dem Tresen werden wahrscheinlich ausschließlich Englisch sprechen und was wird wohl deine Reiserezeptoren mehr ankurbeln als eine Fremdsprache?

4. Hast du schließlich dein ganz persönliches Paradies, in dem Tee und Kaffee fließt gefunden, ruh dich nicht vorzeitig auf deinen Lorbeeren aus: es gilt, auch den perfekten Platz zu erwischen. Vorzugsweise mit einer Wand im Rücken und einem guten Blick auf die übrigen Mitinsassen, auf den gut besuchten Tresen oder das Fenster. Und hier ein kleiner Pro-Tipp für Fortgeschrittene: bist du zu chronisch dauerklamm, um genügend Stoff nachzukaufen, der deine lange Verweildauer rechtfertigt, dann empfiehlt sich ein Platz außerhalb der Sichtweise des Tresens – zur Vermeidung des Bösen Blicks. Rückenschonend sollte dein Plätzchen sein und auf keinen Fall zu bequem, damit nicht das Blei an deinen Augenlidern die Oberhand zu gewinnen droht.

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Zücke dein Notizbuch, klappe deinen Laptop auf – eigentlich egal was, es muss eben nach Arbeit aussehen. Und hier beginnt nun dein eigentlicher Job, die Themensuche, die Feldforschung. Krame nach dem Fremden im Eigenen. Du wirst es finden.

Der Spatz an sich ist nicht zwingend das furchterregendste Tier. Wenn er sich aber mit Artgenossen zuhauf zusammenrottet und sich auf sämtlichen Tischen und Hecken bettelnd und vorwitzig hüpfend um dich herum niederlässt, wird aus der Komödie schnell hitchcockiger Horror. Entdeckst du dann (so wie ich in der vergangenen Woche), dass einem der Vögelchen büschelweise das Hauptgefieder Hopps gegangen ist, steckst du vielleicht schon mitten in einer Tragikomödie. Hat hier schon mal jemand einen Spatz mit Halbglatze gesehen? Wirklich ein selten dämlicher Anblick.

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Du wirst Gespräche belauschen (ich weiß jetzt alles über den siffigen neuen Mitbewohner der glatthaarigen Jurastudentin) und passiv rauchen, tobende Kinder verfluchen und politischen Erörterungen folgen („Meine Lebensentscheidungen müssen sich doch nicht mit deinem Bauchgefühl decken.“), von den vorbeikommenden gescheiterten Existenzen um ein paar Cent angehauen werden und Touristen ihren Kaffee fotografieren sehen (was ich selbst nie tun würde, hust…), Dänen erklären, warum sich im Deutschen verflucht noch mal alle siezen, heimlich deine privat mitgebrachten Süßigkeiten naschen und Stifte an Sitznachbarn verleihen, das WLan-Passwort gestressten Businesspeople verraten und über die Biografie der Bedienung sinnieren.

Mit Cafés ist es wie mit Kinos: du gehst am Besten allein hin. Dann werden deine Gedanken sich auf die Reise begeben, ausschweifen und flügge werden. Und sollten sie das nicht, hast du am Ende des Tages wenigstens eine Handvoll guter Anekdoten. Oder Ideen für blödsinnige Kurzgeschichten. Meine: „Vom kahlen Spatz Peter, der ausflog, sein Hauptgefieder zu finden.“

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6 Comments

  • 2 Jahren ago

    Klingt nach einem guten Job. So ein Schreiberling im Café zu sein. 🙂

    • 2 Jahren ago

      Das ist es auch. 🙂 Und manchmal ist es auch eine leidenschaftliche Hassliebe.

  • 2 Jahren ago

    Was für ein wunderschöner Artikel!!! Du inspirierst mich total damit! <3 Ich will sofort raus und mich in ein Cafe setzen … alleine, und schreiben!

    • 2 Jahren ago

      Och, das ist ja so ziemlich das schönste Kompliment, das man kriegen kann! Danke dir, freut mich sehr, dass es bei dir einen Nerv getroffen hat. Dann bin ich gespannt auf viele inspirierte Texte! 🙂

  • Katharina
    2 Jahren ago

    Zunächst dacht ich vom Headerbild fehlgeleitet, du willst uns hier erklären, wie man eine Collage aus Meer und Tasse bastelt (hat mich scheinbar angesprochen). Aber jetzt verstehe ich, dass du ungern mit mir im Cafe sitzt. Mensch, dazu hättest du mir einfach in den Kaffee spucken können und anstatt mir einen Artikel zu widmen.

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