COLIN TREVORROW: JURASSIC WORLD

Als Vergessene Welt – Jurassic Park in die Kinos kam, feierte ich meine Einschulung. Filme waren damals nicht unbedingt ein bedeutender Teil meines Lebens, aber über diesen Einen wurde immerzu gesprochen. Und von noch einem Anderen, der schon Jahre zuvor erschienen war. Von einem abenteuerlichen Vergnügungspark war da die Rede, von furchterregenden Dinosauriern und immer wieder dieser ominösen Toilettenszene. Ich erinnere mich noch gut an meine damalige Neugier, gepaart mit einer gewissen Skepsis. Blutrünstige Monster waren nicht unbedingt mein Métier, aber ich war schon neugierig auf diesen Film, den ich nicht sehen durfte. Erst Jahre später konnte ich ermessen, was mir wirklich entgangen war.

© Universal
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Mittlerweile ist die Einschulung ein paar Jahre her und Jurassic World kündigte sich an. Colin Trevorrow hat mich darin das Gefühl kindlichen Staunens nachholen lassen. Er hat mit der Regie des Dinosauriersequels ein nicht gerade leichtes Erbe angetreten – eine Kultfilmreihe, ewig nostalgisch verklärter Liebling der Kinder der Neunziger und dann auch noch vom Meister Steven Spielberg höchstpersönlich. Sein Nachfolger scheint aber zu wissen, worauf er sich da eingelassen hat. Jurassic World beginnt – ganz nach spielberg’scher Manier – in einer Familie. Mutter und Vater schicken ihre beiden Söhne – den pubertierenden Zach (Nick Robinson) und den kleinen Gray (Ty Simpkins) auf die berüchtigte Isla Nublar, wo ein Themenpark mit Dinosauriern täglich tausende Besucher begeistert. Das ganze soll ein Familienausflug werden – die beiden haben nämlich ihre Tante Claire (Bryce Dallas Howard), die Parkmanagerin, seit Jahren nicht gesehen. Das Familienmotiv ist aber nicht nur eine Verbeugung vor den Konventionen und Themen Spielbergs, es kommt auch Colin Trevorrow zupass. Zach mag mehr nach den weiblichen Parkbesucherinnen lugen, Gray stürmt aber mit unzügelbarer Ungeduld, riesigen Augen und vorsorglich angelesenem Wissen auf die Insel und kann es kaum erwarten – und wir Zuschauer tun es ihm gleich.

Der Regisseur versteht es, Erwartungen zu schüren. Langsam nähern wir uns der Isla Nublar mit den beiden Jungs auf einem Katamaran und müssen obligatorisches Ankunftsgeplänkel über uns ergehen lassen, bis endlich eine erste opulente Kamerafahrt in der Totalen die ungefähren Ausmaße des Parks enthüllt und wir am liebsten gleich selbst in die gläsernen Kugeln springen würden, die die Besucher sicher durch die Sauriergehege befördern.  Die Ruhe auf der Insel ist jedoch trügerisch, in jeder Hinsicht. Die Zeiten, in denen ein wiederauferstandener Brontosaurus noch für gute Besucherzahlen sorgen konnte, sind vorbei. Mittlerweile sind große Firmen in das Projekt eingestiegen. Superreiche Investoren, die sich im Labor ihre eigenen Wesen kreieren lassen. Dabei gilt die Faustregel: je mehr Zähne, desto mehr zahlende Gäste. Ein Ergebnis dieses kapitalistischen Erneuerungswahn ist der Indominus Rex. Bis auf einige Superhirne im Labor weiß niemand so recht, worum es sich bei dem künstlich aus Saurier- und Tiergenen zusammengezüchtetem Viech eigentlich handelt – zwei Dinge sind aber schnell klar: es ist erstens hyperintelligent und zweitens hypergefährlich. Und – auch klar – es setzt diese Fähigkeiten ein, um aus seinem Hochsicherheitstrakt auszubrechen.

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Jurassic Park begeisterte bei seinem Erscheinen Anfang der 1990er Jahre vor allem, weil seine Protagonisten so unwahrscheinlich fotorealistisch aussahen. Die Dinosaurier stehen auch im Jahrzehnte später folgenden Sequel im Mittelpunkt, das Kino hat sich in der Zwischenzeit aber nicht unwesentlich anders entwickelt als das Publikum der Jurassic World: ein paar hübsch animierte Schuppen und Klauen reichen schon lange nicht mehr aus, um die Kassen klingeln zu lassen. Dass Colin Trevorrow seinen Zuschauern gibt, was sie wollen, muss er irgendwie thematisieren, sonst erschiene das Anprangern des sprichwörtlichen Raubtierkapitalismus zynisch. Und so erklärt es sich auch, dass sein Film nicht etwa Wert auf seine menschlichen Figuren legt. Sie sind lediglich Typen, die Funktionen erfüllen: der skeptische Teenager und das begeisterte Kind. Der anpackend-mysteriöse Naturbursche, die anfänglich eiskalte Geschäftsfrau. Es geriete fast alles ein wenig zu einfach, wäre da nicht noch der Subplot, der sich im Fortlauft der Geschichte zu ihrem eigentlichen Dreh- und Angelpunkt entwickelt.

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In Jurassic World ist neben den Dino-Fans auch noch eine andere Interessengruppe präsent: das Militär. Geschäftsmann Vic (Vincent D’Onofrio) sieht die vom Ranger Owen (Chris Pratt) trainierten Veloceraptoren als zukünftige Waffe – sie sind schnell, wendig, äußerst bissig und befolgen mit ein wenig Geduld und Alphatier-Gehabe sogar Befehle. Um sein Ziel zu erreichen, scheut sich Vic auch nicht, zwielichtige Deals mit den Wissenschaftlern im Labor von Jurassic World einzugehen, und so entwickelt sich die Frage um das wirtschaftliche Potential der Saurier mehr und mehr zu einem Dilemma, wie es schon Robert Oppenheimer mit seiner bahnbrechenden Erfindung durchgemacht hat – der Atombombe. Colin Trevorrow setzt diese Ambivalenz zwischen Fortschritt und Machtlosigkeit, wissenschaftlicher Arbeit und den unlauteren Interessen daran vor allem durch seine Kameraarbeit ins Bild: immer wieder zeigt er seine Figuren entweder von unten – als erhabene Erschaffer frankensteinähnlicher Wesen – oder aber aus der Vogelperspektive – hilflos angesichts der ungezügelten Kräfte der Natur, zum Beispiel in Form eines Schwarms wildgewordener Pterodactylus.

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Jurassic World thematisiert das Prinzip Höherschnellerweiter also nicht nur auf der Ebene seines Plots, sondern auch in der Inszenierung. Mit sperrangelweit aufgerissenem Höllenschlund schnappt sich da ein riesiger Unterwassersaurier vor versammelt johlendem Publikum einen senkrecht über dem Pool aufgehängten Hai. Ist das etwa doch das Ende der Traditionen Spielbergs, der 1975 mit Der weiße Hai den ersten Blockbuster schuf und so Filmgeschichte schrieb? Nun, wenn es nach Trevorrow geht, scheint diese Szene eher als ironische Warnung zu fungieren. Moderne Blockbuster à la Michael Bay mögen mittlerweile anderen Prämissen folgen – Kameragewackel, Desorientierung, Schnittfrequenzen jenseits der Wahrnehmungsschwelle. Colin Trevorrow beweist mit Jurassic World aber, dass die alten Konventionen, sofern man sie mit spielberg’scher Virtuosität beherrscht, durchaus auch heute noch wirken können. Am bezeichnendsten ist dafür wohl der Schluss des Films, eine fast halbstündige Actionsequenz, die in einem Kampf Dino gegen Dino gipfelt. Wie ungewöhnlich: die Einstellungen sind lang, Blut fließt nur in kleinen Dosen, die Soundeffekte sind ausgeklügelt, die Orientierung ist ständig gewährleistet. Der Schauwert geht allein von den imposanten Kreaturen aus, die sich auf der Leinwand bis aufs Blut bekämpfen. Da öffnen sie sich wieder, die staunenden Kinderaugen. Mein einziges Problem dabei: ich kann einfach den T-Rex nicht mehr erst nehmen. Und ihr wisst wieso.

© Hugh Murphy
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(Karikaturen von Hugh Murphy via T-Rex Trying…)

Kinostart: 11. Juni 2015

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