CANNES 2015: YOUTH, KRISHA & NIE YINNIANG

Dieser Artikel ist aus Langeweile geboren. Und mir ist klar, dass ich mich damit wohl endgültig unglaubwürdig mache. Schließlich ist sein Geburtsort Cannes zur Zeit des Festivals. Aber wer die Berichterstattung regelmäßig verfolgt oder sogar selbst schon an der Croisette war, der weiß: Cannes besteht hauptsächlich aus Warterei. Irgendwann ist das Mittagstaboulé aufgegessen, sind Variety, Screen und der Hollywood Reporter ausgelesen – und was dann?

Im Augenblick stehe ich für Love an, den neuen Film von Gaspar Noé, der nach eigener Aussage des Regisseurs Männern einen Ständer und Frauen feuchte Unterwäsche verschaffen soll. Schauen wir mal, ob er tatsächlich die deliziöse Hitze in Carol übertreffen kann. Dass ich gerade meinen Kollegen Joachim von kino-zeit.de traf, der für den Film nichts als Verachtung übrig hatte, vereinfacht die Warterei nicht gerade. Aber die Neugierde siegt. Und in der zu überbrückenden Zeit lasse ich eben den vergangenen Festivaltag in Kurzkritiken Revue passieren.

Es begann alles mit Youth, dem Film, auf den ich mich in Cannes dieses Jahr neben dem Todd Haynes am allermeisten gefreut hatte. Mit La Grande Bellezza hatte Paolo Sorrentino zuletzt schließlich mitten ins Schwarze getroffen. Youth (der italienische Titel La Giovinezza klingt so viel schöner, und ich mag Italienisch nicht mal) ist die Geschichte des gealterten Komponisten Fred (Michael Caine) und des ebenso gealterten Regisseurs Mike (Harvey Keitel), die die Ferien in einem Schweizer Luxuswellnesshotel verbringen. Außerdem mit von der Partie: Rachel Weisz als frisch verlassene Tochter Freds, Paul Dano als Nachwuchsfilmemacher und Diego Maradona als Himself mit übergroßem Karl Marx-Tattoo auf dem Rücken.

© Festival de Cannes
© Festival de Cannes

Wie zu erwarten steckt Youth voller bezaubernder Einfälle und perfekter Bilder und Töne. Wenn Fred beispielsweise mithilfe eines knisternden Bonbonpapiers einen Rhythmus entstehen lässt, dann wächst die intuitive Liebe für den Film. Oder wie es meine Kollegin Jenny von moviepilot.de auszudrücken pflegte: „Es gibt rationale Filmbewertungsmaßstäbe – und es gibt Kuhkonzerte.“ Bei aller Schönheit vermag Youth allerdings trotzdem nicht so sehr zu bezaubern wie der Vorgängerfilm. Vielleicht mag das an dem fixen Schauplatz liegen, an dessen ästhetisierten Routinen wir uns irgendwann sattsehen. Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich auch nicht so recht weiß, wo hier die Krux liegt. Ich war wohl ein bisschen zu sehr mit Schwelgerei beschäftigt. Ein Film, der definitiv nach einer Zweitsichtung schreit.

Nach einem kleinen Sprint entlang der Croisette kam ich anschließend am Espace Miramar an, dem Austragungsort der Semaine de la Critique. Hier stand Krisha auf dem Programm, der dieses Jahr auf dem SXSW-Festival in aller Munde war. Trey Edward Shults hat das Indiedrama im Haus seiner Mutter gedreht und seine Familie auch gleich in den Hauptrollen besetzt. Krisha Fairchild spielt also die verrückte Tante, die zu Beginn des Films nach mutmaßlich ziemlich langer Zeit am Haus ihrer Schwester in einer gepflegten Vorstadtgegend ankommt. Und nur mit diesem einen Einstiegsmoment hatte mich der Film schon für sich gewonnen. Denn dieser angespannte Gesichtsausdruck, das vor sich hin Gefluche… Das war doch ich vor dem Familientreffen! Krisha wird hereingelassen, alle umarmen sich lachend und strahlend und doch leicht distanziert und als sie ihnen den Rücken zudreht, fällt das Lächeln mir nichts, dir nichts in sich zusammen. Was hab ich Trey Edward Shults in diesem Moment geliebt. Er hat dieses Familiending auf den Punkt gebracht.

Was folgt, ist ein spiralförmiges Delirium, immer tiefer geht es hinab. Und dass ich Krisha in dem flirrenden Zustand kurz vor dem Einschlafen gesehen habe, hat ihm sogar noch geholfen. Krisha ist Alkoholikerin und im Laufe des Films wird noch so manches andere dunkle Familiengeheimnis angeschnitten. Shults unterstreicht die zunehmend bedrohliche Atmosphäre mit gleitenden bis fahrigen Kamerabewegungen, treibender Musik, dem Besten, was Horror und Psychothriller zu bieten haben und viel schwarzem Humor. In einem ruhigen Moment mit ihrer Schwester gibt Krisha schließlich zu: „Ich war wirklich nüchtern und mir ging es gut, aber als ich dann in das Haus kam, mit der ganzen Familie…“ Amen, Schwester.

© Festival de Cannes
© Festival de Cannes

Es folgte das übliche Festival-Prozedere. Sprint zurück zum Palais, Espresso im Pressecafé, News online stellen, den Tumblr aktualisieren, ein wenig tippen und ab zum nächsten Film. Lamb ist ein äthiopischer Coming of Age-Film von Yared Zeleke, in dem ein neunjähriger Junge ein kleines Schäfchen zum besten Freund hat. Der Film erinnerte mich ungemein an meine Mama, die als kleines Mädchen ebenfalls ein verwöhntes kleines, fettgefuttertes Schaf ihr Eigen nannte. Meine ausführliche Kritik zum Film ist auf kino-zeit.de erschienen.

Aus dem Kino und direkt wieder hinein: der Wettbewerbsfilm Nie Yinniang, The Assassin stand auf dem Plan. Hou Hsiao-Hsien erzählt eine Geschichte, die wahrscheinlich niemand so richtig verstanden hat. Es geht um verschiedene chinesische Provinzen während der Tang-Dynastie und eine Killerin (Shu Qi) zwischen den Fronten, die entgegen den Anweisungen ihrer Ausbildernonne ihr Herz nicht abschalten kann. Aber um ehrlich zu sein: ob man die Ereignisse im Detail nachvollziehen kann, ist im Grunde völlig irrelevant. Denn The Assassin ist SO schön. Er ist so schön, dass ich kaum den Blick von den Bildern abwenden konnte, um ab und zu auch die Untertitel zu lesen. Er ist ein einziger Fluss aus rot und gelb, blendend schönen Frauen, rauschenden Birkenwäldchen, opulenten Kostümen und (übrigens sehr wenigen) sirrenden Dolchen. Hou Hsiao-Hsien filmt durch halbtransparente, wehende Tücher, Dampf und Rauch hindurch und verleiht so dem Raum eine ganz eigene, fast haptische Sinnlichkeit. Die Killerin dürfen wir hingegen zum offiziellen Female Badass von Cannes 2015 küren. Wie sie ihr Messer als zweckentfremdete Haarnadel im Dutt trägt, voll bewaffnete Kampfmaschinen wie im Vorbeigehen mit einem präzisen Stich erledigt oder Männer nur deswegen verschont, weil ihre Frauen schwanger sind – es bleibt einem nichts, als andächtig im Kino zu sitzen und „Yeah, Baby“ zu hauchen. „Play it again“, riefen ein paar Kinobesucher nach dem Screening, und ich schließe mich an. Für den Moment müssen ein paar Bilder zum Anfüttern reichen.

© Festival de Cannes
© Festival de Cannes
© Festival de Cannes
© Festival de Cannes
© Festival de Cannes
© Festival de Cannes

5 Comments

Leave A Comment

Related Posts