RYAN GOSLING: LOST RIVER

Wenn ich den Titel Lost River höre, ist da immer ein kleiner Stich, der mich an mein Versagen erinnert. Das ist natürlich melodramatisch übertrieben. Aber das Regiedebüt von Ryan Gosling war einer der beiden Must-Sees auf meiner Liste, die ich letztes Jahr in Cannes trotz verzweifelter Versuche nicht sehen konnte. Ziemlich genau ein Jahr später kommt dieses düstere Märchen nun in die deutschen Kinos und ich kann das Versäumnis endlich aufholen. Stellt sich die Frage, ob es sich tatsächlich lohnte, sich mehrfach in die Schlangen an der Croisette einzureihen.

© Tiberius Film
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Lost River ist eine fiktive Kleinstadt mit dem Vorbild Detroit – und die Assoziationen, die wir heute unmittelbar mit dieser Stadt verbinden, bilden auch den Kern des Films. Hier lebt die alleinerziehende Mutter Billy (Christina Hendricks) mit ihren zwei Söhnen Bones (Iain de Caestecker) und dem kleinen Franky am Stadtrand in einem heruntergekommenen Haus. Die Miete ist seit drei Monaten überfällig und dass die Pfändung bereits droht, wird nur noch durch die Gebäude der verlassenen Nachbarschaft deutlicher, die eines nach dem anderen abgerissen werden, wenn sie nicht von selbst in sich zusammenfallen oder zum Opfer von Brandstiftung werden. Es ist nicht so, als würden Mutter und Sohn besonders viel miteinander reden. Sie alle versuchen aber auf ihre eigene Weise, ihr Heim zu retten; den einzigen Rückzugsort, der ihnen noch geblieben ist.

© Tiberius Film
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Nachdem Ryan Goslings Film seine Premiere gefeiert hatte, warfen die meisten Kritiker ihm eines vor: sein Film enthalte kaum eigene Visionen. Er sei ein bunter Mix unterschiedlichster Zitate von großen Meistern und Genreversatzstücken: Malick und Lynch, Jarmusch, Cianfrance und Winding Refn, Horror und Giallo, Mystery und Thrillerkonventionen, die Liste ist lang. Diese Kritik kann ich nach der Sichtung von Lost River nachvollziehen. Tatsache ist aber auch, dass sie im Kontext der Geschichte durchaus Sinn macht. Der Regisseur, der hier im Übrigen auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, erzählt keine neue Geschichte. Ein kollektives Wissen vom Untergang des amerikanischen Traums rankt sich um Orte wie Detroit und der Kampf gegen den sozialen Abstieg ist uns als filmisches Motiv so bekannt wie das des Teenagers in der Konfrontation mit halbstarken Gleichaltrigen. „Ich höre die gleiche Geschichte immer wieder von Leuten wie ihnen“, hat Billys Ansprechpartner bei der Bank (Ben Mendelsohn) nur zu sagen. Billy nimmt ein Jobangebot bei einer gewöhnungsbedürftigen Performance-Show an, Bones legt sich unterdessen mit Bully (Matt Smith) an, dem selbsterklärten Herrscher über die Reste von Lost River.

© Tiberius Film
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Und während wir die Ruinen und die degenerierten Überdauernden an diesem gottverlassenen Ort an uns vorüberziehen sehen, ist Eines in Gedanken immer gegenwärtig: die Vergangenheit. Die Träume, die mit dem Ort und seiner Bestimmung einst verbunden waren. Die Menschen, die hier lebten und aufbauten, was nun vermodert und auseinanderfällt. Genauso gegenwärtig wie der Stil der alten Meister, den der Film recht treffsicher zitiert.

All das gehört der Vergangenheit an, scheint Gosling zu sagen. Es war gut, aber es ist vorbei. Nur die Zukunft, die ist eben ungewiss – für die Figuren in seinem Film, aber auch für das große Ganze darüber hinaus. Etwas eigenes, eine konkrete Alternative bietet der Regisseur nicht an. Vielleicht, weil er keine sieht, vielleicht aber auch, weil es keine gibt. Im Gesamtpaket macht das Lost River zu einem ziemlich anstrengenden Erlebnis. Wieso sollte ich mir auch einen Film ansehen, den ich so ähnlich schon unzählige Male gesehen habe – und das in wesentlich raffinierteren Varianten als der symbolgeschwängerten Metaphorik Goslings.

© Tiberius Film
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Vielleicht, weil Lost River es trotz aller Mankos schafft, immer wieder zu fesseln, sobald man sich auf ihn einlässt und all das kulturelle Wissen abzulegen versucht. Als er wieder einmal vor Bully flieht, entdeckt Bones eine Straße, die geradewegs in den Fluss führt. Straßenlaternen ragen geisterhaft aus der Wasseroberfläche. Seine Freundin Rat (Saoirse Ronan) klärt ihn auf: um ein neues Reservoir anzulegen, wurden hier einst ganze Städte und nebenbei auch der alte Dinosaurier-Vergnügungspark geflutet. Seitdem läge ein Fluch auf dem Ort, nichts sei mehr wie es einst war. Wenn Bones dort herumstreift, verfolgt von seinem gruseligen Widersacher, wenn er gemeinsam mit Rat versucht, die Ausweglosigkeit zu vergessen, dann erinnert mich das immer wieder an ein Besorgnis erregendes Gefühl aus meiner eigenen Kindheit.

© Tiberius Film
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Damals gab es nicht weit von unserer Grundschule ein verfallenes Haus am Waldesrand, ein altes Bahnhofsgebäude. Durch ein eingeschlagenes Fenster kletterten wir immer wieder hinein und stellten uns vor, was dieses Haus schon alles erlebt haben musste. Eines Tages kam ein seltsamer fremder Mann und streifte durch den Garten – über Stunden trauten wir uns nicht aus dem Haus und an ihm vorbei. Dieses kindliche Gefühl von absoluter Ausweglosigkeit ohne einen Gedanken an morgen. Dieses Schwanken zwischen hysterischer Albernheit und dem Bedürfnis zu Heulen, die Erleichterung darüber, wenigstens nicht ganz allein zu sein – dieses Gefühl kann Lost River heraufbeschwören. In manchen Szenen mischen sich Realismus und düstere Fantasie zu einem alptraumhaften Charme. Ich glaube, ich muss den Film nicht unbedingt ein zweites Mal sehen – als einmaliges Erlebnis sollte man ihn sich aber nicht entgehen lassen.

Kinostart: 28. Mai 2015

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