BERLINALE PANORAMA 2015: MISFITS

© Henrik Ipsen
© Henrik Ipsen

Hunderte Lichter bilden einen glitzernden Baldachin, darunter ein sich küssendes Pärchen, ein Moment wie in einem magischen Paradies. Wir befinden uns in Tulsa, Oklahoma, und wo hier Paradies und Hölle sind, ist noch nicht abschließend geklärt. Denn Tulsa ist die sogenannte Schnalle des Bible Belt, wer hier im ländlichen Teil der USA dazugehören will, ist konservativ, im Zweifel Republikaner, tief religiös und selbstverständlich heterosexuell.

Schon die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Tulsa hat 400.000 Einwohner, 2000 Kirchen und genau einen ehrenamtlich geführten Treffpunkt für queere Jugendliche. Genau diesen Club hat der dänische Regisseur Jannik Splidsboel für seinen Dokumentarfilm Misfits aufgesucht, um dort das alltägliche Leben, die Gefühle, Gedanken, Probleme der Jugendlichen zu dokumentieren. Da gibt es die 17-jährige Larissa, die mit ihrer Familie seit dem Outing keinen Kontakt mehr hat, den 19-jährigen Ben, der von seinem Bruder Selbstverteidigungsstrategien beigebracht bekommt oder D, der in prekären Verhältnissen fast völlig auf sich allein gestellt lebt. Wer in Oklahoma ein queeres Leben zu führen versucht, weiß beinahe automatisch auch Geschichten von Vorurteilen und Ausgrenzung, Gewalt, Ängsten, Suizidversuchen und kaputten Familien zu berichten.

Der etwa siebzigminütige Film, der im Laufe einer zweijährigen Recherche vor Ort entstanden ist, krankt ein wenig an seiner eigenen Ankündigung. Tulsa, der Bible Belt. Schon in der Einstiegsszene macht Jannik Splidsboel den Kontrast zwischen Regenbogen-Community und radikalen Christen auf. Während einer Gay-Pride säumen sie mit Schildern die Wege der Demonstranten, auf denen Bibelzitate stehen oder fett die Worte ‚Sodom und Gomorrha‘ prangen. Hasspredigten schallen uns aus dem Off entgegen und Kirchtürme ragen feinselig in den Himmel.

© Henrik Ipsen
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Im Folgenden spielen die religiösen Fundamentalisten im Film jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Nach dem Einstieg, der die Richtung des Films vorgibt, gibt es keine Konfrontation mehr mit ihnen; konzentriert sich der Regisseur wieder vermehrt auf die drei Protagonisten. Wer auf wortgewaltige Auseinandersetzungen gespannt war, wird enttäuscht. Zum einen will Splidsboel die Teenager nicht in unangenehme oder gar gefährliche Situationen bringen, sondern sich als organischer Beobachter zurückhalten. Zum Anderen finden die eigentlichen Konflikte im Inneren der Jugendlichen statt. Sie alle wurden in mehr oder weniger streng christlichen Haushalten aufgezogen und haben die zumeist sehr konservativ ausgelegten Inhalte der Bibel verinnerlicht. Sie glauben an Gott, aber müssen beinahe jeden Tag hören, dass dieser Gott sie verdammt.

In Seminaren und ausführlichen Gesprächen setzen sich die Teenager im Club mit solchen Fragen auseinander. Aber Misfits ist auch nicht nur eine einzige Problemwälzerei. Auf die donnerstäglichen Gesprächsrunden folgt schließlich am Samstag die Disco. Hier wird getanzt, geraucht, gelacht, sich in Schale geschmissen. Die ausgelassene Stimmung überträgt sich regelrecht auf die Zuschauer – und hier liegt Misfits größter Verdienst. Er zeigt seine Protagonisten nicht als aussichtslose Problemfälle, sondern in erster Linie als ganz normale Teenager. Sie machen ihren Führerschein, schließen die Schule ab oder suchen Jobs, lieben und streiten, planen ihre Zukunft oder träumen wie Ben von einem reichen, heißen Doktoren, der im weißen Wagen angefahren kommt und ihnen ein Leben in Saus und Braus ermöglicht. Es gibt einen Ort in Tulsa, an dem sie solche Träume laut aussprechen können.

Misfits auf der offiziellen Berlinale-Website

1 Comment

  • 3 Jahren ago

    Mir geht es ähnlich. Das Thema Religion ist nach 10 Minuten abgehakt. Trotzdem eine gelungene Dokumentation.

    Liebe Grüße von Franzi von filmkompass.wordpress.com

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