RICHARD GLATZER & WASH WESTMORELAND: STILL ALICE

Irgendwann das Gedächtnis und die Kontrolle über die eigenen Fähigkeiten zu verlieren, ist so ziemlich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Geht sicher vielen Menschen so. Nicht mehr laufen können oder sonst körperlich eingeschränkt zu sein, das ist bestimmt grauenhaft. Aber alles noch halbwegs erträglich, so lange ich noch frei denken, kommunizieren, lesen, Filme schauen, schreiben kann.

© Sony Pictures
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Alice (Julianne Moore) tickt in dem Punkt ganz ähnlich. Ihr Leben lang hat sie sich vornehmlich über ihren Intellekt definiert, hat in der Linguistik und den Kommunikationswissenschaften geforscht, publiziert, an der Columbia gelehrt und irgendwie alles richtig gemacht. Und dann ist da diese niederschmetternde Diagnose. Eine seltene und erblich bedingte Form von Alzheimer – dabei ist sie gerade mal 50. Noch sind es eher die Kleinigkeiten, die Alice um ihre Routine bringen: Worte fallen ihr nicht auf Anhieb ein und eines Tages verliert sie auf ihrer üblichen Joggingstrecke plötzlich die Orientierung. Aber sie macht sich keine Illusionen: irgendwann wird das Vergessen überhand nehmen.

© Sony Pictures
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Mit Still Alice haben sich die Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland eines Themas angenommen, das im Alltag und im gesellschaftlichen Diskurs nur allzu gern verdrängt wird. Ich alte Hypochonderin kann mich da nicht ausnehmen. Wenn mich schon Gedanken an die nächste Impfung aus dem Konzept bringen, will ich über Schlimmeres eigentlich nicht mal im Ansatz nachdenken. Glatzer und Westmoreland haben deswegen eine mutige Entscheidung getroffen. Sie haben nicht vorrangig einen Film über eine Frau gedreht, und auch keinen Film über eine gebeutelte Familie. Sondern einen Film über eine Krankheit.

Natürlich sollen wir mit Alice möglichst mitfühlen. Dafür sorgt zum einen die sehr lobenswerte schauspielerische Leistung Julianne Moores, zum Anderen die sehr konventionelle Inszenierung, die dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt selbst überlässt, was er denken soll. Insofern ist Still Alice ganz klassisches Hollywoodkino mit Award-Season-Anspruch und kommt manchmal sogar etwas schlicht daher. Zu sehr macht sich dann die Anstrengung bemerkbar, möglichst viele Aspekte einer gewünschten Debatte um Alzheimer abzudecken.

© Sony Pictures
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Trotzdem vermeiden es die Regisseure angenehmerweise, uns allzu sehr durch Tränentreiberei den Blick und das Hirn zu vernebeln. So lassen sie immer wieder bewusst Szenen aus, die dazu perfekt geeignet wären, wie zum Beispiel die endgültige Diagnose. Und auch langes pathetisches Auf-den-Horizont-Gestarre bleibt uns erspart. „Es fühlt sich an, als würde mein Gehirn absterben“, schreit Alice ihren Mann (Alec Baldwin) an. Sie will ernst genommen werden, er will lieber verdängen und schönreden so lange es noch geht. Und dann gibt es da noch die gemeinsamen Kinder, allen voran die Tochter Lydia (Kristen Stewart), eine angehende Schauspielerin, die in Los Angeles lebt und zur Mutter nicht immer ein unbeschwertes Verhältnis pflegte. Trotzdem ist sie es, die letztlich das größte Opfer bringt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht dabei aber immer wieder die Krankheit selbst. Die Möglichkeiten eines anderthalbstündigen Kinofilms sind ohne Frage begrenzt, trotzdem ist Still Alice aber auch ein Versuch, sich zumindest ansatzweise in eine Alzheimerpatientin hineinzuversetzen. Immer wieder nimmt die Kamera Alices Perspektive ein, arbeitet mit Unschärfen und point-of-view-shots, um sich ihrer zunehmend beeinträchtigten Wahrnehmung anzunähern. Die Frau, die vor Kurzem noch hoch dotierte Vorträge hielt, muss sich bald ihre Texte während des Redens markieren, um nicht jede Zeile doppelt vorzulesen. Und bald sitzt sie apathisch auf einer Couch, während ihre Familie über sie entscheidet, als wäre sie nicht anwesend. Julianne Moore zeigt in diesen Momenten eine beeindruckende Bandbreite ihres Könnens und zeichnet den Wandel und den schubhaften geistigen Verfall von Alice mit viel Feingefühl nach. Dabei wird sie nie zu einer bemitleidenswerten Kreatur. Sie ist eine Frau mit Alzheimer.

Kinostart: 05. März 2015

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