HIROKAZU KORE-EDA: LIKE FATHER, LIKE SON

Bei Sorgerechtsstreits und ähnlichen Prozessen soll immer eines im Mittelpunkt stehen: das Kindeswohl. In Like Father, Like Son ist das nicht so. Hier sind die Erwachsenen der Dreh und Angelpunkt. Aber nicht etwa, weil Regisseur Hirokazu Kore-eda egal wäre, was mit den Kindern passiert. Vielmehr sind es die Eltern, die die Situation erst so bizarr vertrackt und kompliziert machen.

© Film Kino Text
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Like Father, Like Son (Soshite chichi ni naru) erzählt die Geschichte einer gut gestellten japanischen Familie: der Vater Ryota (Masaharu Fukuyama) erfolgreiches Arbeitstier in einem Architekturbüro, die Mutter Midori (Machiko Ono) eine junge Hausfrau, Sohn Keita (Keita Ninomiya) ein wohlbehütetes Vorschulkind, das seine Zeit mit Klavierübungsstunden und Einschulungstests verbringt. Das Leben geht seinen routinierten, perfekt geplanten Gang, da erreicht ein Anruf des Krankenhauses die Familie, in dem Keita geboren wurde. Die Verwaltung überbringt eine schockierende Nachricht: am Tag von Keitas Geburt kam auf der gleichen Station noch ein anderer Junge zur Welt. Die beiden Babys wurden vertauscht, man wurde erst bei Gentests zur Einschulung der Kinder darauf aufmerksam. Plötzlich stehen die Nonomiyas vor einer folgenschweren Entscheidung – ganz genau wie die Saikis, genügsame Ladenbesitzer aus einem Vorort. Sollen sie die Kinder austauschen oder mit der Verwechslung leben? Was wiegt schwerer: Blutsverwandtschaft oder die soziale Bindung?

© Film Kino Text
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Ich bin in diesen Film mit einer sehr klaren Haltung hineingegangen: Natürlich ist Blutsverwandtschaft zweitrangig. Das sehe ich auch noch immer so. Aber es ist manchmal eben doch nicht so leicht, wie ich mir das so gern denke. Hirokazu Kore-eda zeichnet mit seinem Film ein sehr differenziertes und fein beobachtetes Bild einer Gesellschaft, in der jeden Tag die Ahnen der Familie vor dem hauseigenen Altar angebetet werden und in der es durchaus etwas bedeutet, dass der eigene Sohn die Traditionen der Familie aufrecht erhält und den Reichtum mehrt.

Der Regisseur erzählt, ohne zu verurteilen und vor allem – und das ist mir besonders viel wert – ohne den Zuschauer zu manipulieren. Er hat es auch gar nicht nötig, auf die Tränendrüse zu drücken. Seine Geschichte ist auch in ihrer ruhigen Inszenierung über zwei Stunden hinweg fesselnd und anrührend. Ich bin es aus zahlreichen Hollywoodfilmen gewöhnt, dass mir permanent vordiktiert wird, was ich wann zu fühlen habe. Umso schöner, dass ich hier ganz allein und eigenmächtig entscheiden durfte, wovon ich mich mitnehmen lasse, wie ich zu welcher Figur stehe und welche Lösung mir am Besten erscheint. Und ja – es sind dann auch tatsächlich ein paar Tränen geflossen. In einem ganz wunderbar persönlichen Moment zwischen mir und dem Film, ganz ohne leidende Blicke oder schmalzige Geigenmelodien.

© Film Kino Text
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Like Father, Like Son basiert auf dem Prinzip binärer Oppositionen. Ruhiges Kind, aufgewecktes Kind; reiche und unterkühlte Familie in Downtown, lockere Normalos aus der Vorstadt; distanzierter Vater, gefühlsbetonte Mutter. Man mag das etwas plakativ, vielleicht sogar ein wenig einfallslos finden. Tatsächlich ist es aber genau das richtige, das anschaulichste Setting nämlich, um ein Thema zu verhandeln, dass für sich genommen schon kompliziert genug ist. Ohnehin ist Hirokazu Kore-eda viel zu gut, um dabei Gefahr zu laufen, in Plattitüden zu verfallen. Er findet vielmehr wunderbare, manchmal subtile, manchmal liebenswert originelle Bilder, um Unterschiede, Erkenntnisse, Gedanken und vertrackte Situationen deutlich zu machen. Zum ersten Zusammentreffen der Familien werden Fotos der beiden Kinder mitgebracht: Keita in Uniform schaut auf seinem Passbild ernst in die Kamera, der andere Junge Ryusei ist auf einem Urlaubsschnappschuss lachend in einer Wasserrutsche zu sehen. Außerdem knabbert er auf die gleiche Weise am Strohhalm wie sein Ziehvater. Und wann immer ein Gast das Appartement der Nonomiyas betritt, stellt er fest, es sähe dort so ordentlich und unpersönlich aus wie im Hotel.

Worauf sollte man in der Kindererziehung Wert legen? Wieviel Zeit müssen Eltern mit ihren Kindern, Väter mit ihren Söhnen verbringen? Ist es wichtig, ob ein Nachkomme nach Vater oder Mutter kommt? Und sollte man nicht über viel mehr Dinge offen mit den Kindern reden? In Like Father, Like Son vermischen sich Sphären, werden Fragen ausgesprochen und Momente gezeigt, die sonst fein säuberlich im Privatraum der Kernfamilie bleiben. Es ist ein wichtiger Film, den Hirokazu Kore-eda da gedreht hat, weil er eben nicht nur von einem bizarr anmutenden Sonderfall erzählt, sondern weil seine Geschichte Fragen verhandelt, die sich überall auf der Welt und in jeder Familie stellen.

Kinostart: 25. September 2014

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