8 AUGEN FÜR EIN HALLELUJA: TAXI DRIVER

Drei von vier unserer Achtäugigen studieren Film und trotzdem entdecken wir immer wieder Klassiker, die wir allesamt noch nicht gesehen haben. Asche über unsere Häupter, sicher, aber die meisten Cineasten haben ja noch irgendwo gewichtige Lücken, wenn sie ehrlich sind. Immerhin können wir uns darauf herausreden, zu der grandiosen Phase des New Hollywood noch gar nicht geboren worden zu sein. 8 Augen für ein Halleluja kommt immer wieder wunderbar gelegen, um solche Defizite zu beseitigen. Und wer hätte das gedacht? Ausgerechnet bei diesem Meilenstein gingen unsere Meinungen derart auseinander.

Diesmal: Taxi Driver von Martin Scorsese

© Sony Pictures Home Entertainment
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Wieso wir den Film ausgewählt haben:

Wenn ich ehrlich bin, haben wir die Vorbereitung und Filmauswahl diesmal sträflich vernachlässigt. Erst im allerletzten Moment – nämlich schon im Augenblick des Treffens – haben wir einen Blick auf die Streifen geworfen, die uns überhaupt zur Auswahl zur Verfügung standen. Ein wenig Hin und Her, und dann war doch relativ schnell klar: auf Martin Scorsese kann man sich immer einigen. Und Taxi Driver muss man doch schließlich gesehen haben. Schon wegen des ikonischen Auftritts von Jodie Foster.

© Sony Pictures Home Entertainment
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Unsere Wertungen:

Chris: „Taxi Driver, der letzte ehrliche Beruf im heruntergekommenen New York der 70er Jahre. Robert de Niro spielt die ewig beliebte Rolle des Straßenjungen mit dem Herz auf der Zunge. Prostitution, Drogen, Kriminalität gibt’s an jeder Straßenecke. Im Grunde wie Taxis. Und De Niro fährt duch die Stadt, während das Leben ihn auf beiden Seiten überholt, bis selbst Trinkgeld ihn nicht mehr glücklich machen kann. Er setzt den Taxometer seiner Geduld auf 0 zurück. Filmisch merkt man schön, wie die Gefühlslage des Hauptcharakters im Spannungsbogen spürbar ist und wie wir diesen besonderen Typen in den herumlaufenden Massen New Yorks mit seiner Einfachheit kennenlernen. Das Ende ist, wenn auch logisch hinterfragbar, bildlich beeindruckend und bemerkenswert. Der Film will die Langeweile der repititiven Lethargie des Alltags dem Zuschauer nahebringen, was er schafft, aber dennoch wurde es dadurch etwas zäh in der Mitte, wenn man am Ende auch nachvollziehen kann, warum. Der Fluch des Titels, einer der besten Filme zu sein, weitete sich aber leider auch auf diesen Film aus und so kann ich nicht mehr hinschmeißen als:“
7 von 10 zerknüllte Dollar Trinkgeld

SPOILER ALERT!

Tobi: „Taxi Driver ist für mich ein Manifest des Problems, mit welchem Menschen in Großstädten, besonders im gezeigten New York, wohl am meisten zu kämpfen haben: das Problem der Einsamkeit. Alle hocken zwar sinnbildlich auf einem Haufen, aber keiner unterhält sich so richtig miteinander, alle leben gekonnt aneinander vorbei. Der Hund ist der einzige Gesprächspartner innerhalb trister, grauer Tage. Da scheint das Verhalten des Protagonisten dementsprechend irgendwie verständlich: Ein sowieso verkorkst wirkender junger Kerl wird durch die Einsamkeit, das Scheitern seiner Annäherungsversuche zu einer ihm gelegenen Frau und seinem Taxijob, in dem er das Kruppzeug der übelsten Sorte ständig vor Augen hat, beinahe verrückt. Er hält es einfach nicht mehr aus und schießt einen Zuhälter, seinen Lakaien und einen Freier über den Haufen, um eine minderjährige Prostituierte zu befreien. Um die Dramatik dieser Szenen zu unterstreichen, ziehen alle Stilmittel des Films an einem Strang: Seien es die Aufnahmen der trostlosen Umgebung seiner Taxifahrten oder die ständig wiederkehrende, gleiche, stellenweise beinahe schon nervende Melodie der Filmmusik: All dies verstärkt den Eindruck des tristen, immer wiederkehrenden, sinnlosen Alltags, der nicht nur vom Allein- sondern vom Einsamsein gezeichnet ist. Das ist es aber auch, was mir den Film irgendwie ein wenig madig macht: Die verwandten Stilmittel sind für die Atmosphäre wichtig, werden aber derart stringent durch den Film durchexerziert, dass ich mich zwischenzeitlich ein wenig daran gestört habe: Stellenweise war es mir einen Tick zu monoton, zu grau, zu wiederkehrend. Dementsprechend war Taxi Driver für mich kein wirkliches Vergnügen im Sinne von ‚unterhaltendem Film‘, seine Qualitäten zeigten sich mir erst im Nachhinein. Mit rückblickender Sicht auf den Film, der mir ohne nachfolgende Auseinandersetzung nicht übermäßig gut gefallen hätte, vergebe ich…“
7 von 10 zerknüllte Dollar Trinkgeld

SPOILER ENDE

Kitty: „Taxi Driver, ein Film, den man als Filmwissenschaftsstudent unbedingt mal gesehen haben sollte. Und man sollte auch wissen, dass es der zweite Film von Martin Scorsese ist, den wir gemeinsam gesehen haben. Nicht, Katrin? Mein Lieblingsfilm wird’s nicht. Ich spreche sicher im Namen aller, wenn ich schreibe, dass dieses unaufhörlich hingezogene Ende, das dann doch nicht kam, ewig auf sich warten lies. Und dann war doch alles anders. Und zweitens als man denkt. Diese komische Mann-Frau-Rahmenhandlung, die abrupt abgebremst wird, als der Mann die Frau in einen Porno ausführt (wohl keine gute Idee) und zum Ende wieder kitschiger – und absurderweise wieder aufgenommen wird . Dieser Rahmen überzeugt mich einfach nicht. Und das Bild dazwischen ebenfalls wenig: Ist die Moral der Geschicht, dass man einfach um sich schießen soll, damit alles wieder gut und noch besser wird? (Hmm. Wohl die zweite schlechte Idee dieses Films.) Storytechnische Unterhaltung lässt also zu wünschen übrig. Aber Tobis weiß ich in manch einem Augenblick dafür umso mehr zu schätzen. Der Schweigefuchs sieht das sehr ähnlich.“ 
4 von 10 zerknüllte Dollar Trinkgeld

Katrin: „Nein, ich stimme nicht zu und bin sogar ein wenig schockiert, dass man einen der alten Streifen von Martin Scorsese (es empfiehlt sich übrigens auch, die Schreibweise seines Namens zu kennen) mit nur so wenigen Punkten bewerten kann. Abgesehen davon, dass es natürlich persönliche Genre- und Stilvorlieben geben kann, die Werke wie Taxi Driver nicht erfüllen. Aber er setzt Maßstäbe. Und ja, er verwendet durchweg alle seine Stilmittel so bewusst wie nur irgend möglich, um Stimmungen zu kreieren, den Amerikanischen Traum vor unseren Augen ins geradezu Perverse zu drehen und die Welt dieses voyeuristischen, kaputten, fehlgeleiteten Travis Bickle sichtbar zu machen. Deswegen sind auch die leicht redundant anmutenden Szenen nicht sinnlos, das Ende nicht zu langgezogen und eine sogenannte „Moral von der Geschicht“ sollte es in guten Filmen eh nicht geben. Gibt’s auch hier nicht, bei genauem Hinsehen wird Bickle ja alles andere als glorifiziert. Vor allem im Kontext seiner Entstehungszeit, im Kontext des New Hollywood trägt Taxi Driver völlig zu recht den Ruf, einer der Besten zu sein.“
8,5 von 10 zerknüllte Dollar Trinkgeld

2 Comments

  • 3 Jahren ago

    Fairerweise muß man sagen, daß es ein Film wie Taxi Driver bei vielen jüngeren Menschen schwer hat. Ich mußte ihn auch mehrfach sehen. Ein Grower, sagt man glaube ich.

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