BERLINALE WETTBEWERB: TUI NA

Es gibt so Filme, bei denen bekommt man etwas ganz anderes als erwartet. Filme, die sich als zartfühlendes Drama verkaufen, und dann auf der Hälfte in eine regelrechte Horroratmosphäre umschlagen. Die Berlinale-Tickets zu Tui Na (oder Blind Massage) habe ich ganz zu Beginn meines Kartenkampfes ergattert. Für noch einen letzten bedächtigen Abschluss am Sonntagabend. Da ahnte ich noch nicht, dass die Vorstellung unterbrochen werden würde, weil einem Zuschauer auf halber Strecke so schlecht wurde, dass er nach einem kurzen Zusammenbruch nur noch aus dem Saal wanken konnte. Zum Glück war dieser Zuschauer nicht ich.

© Travis Wei
© Travis Wei

In Tui Na werden wir Zeugen des Alltags in einem Massage-Salon im chinesischen Nanjing. Hier arbeiten nur blinde Masseure, die auf ihr Gehör und den Tastsinn angewiesen sind, um sich in ihrer eingespielten Umgebung zurechtzufinden. Wir lernen Ma (Quin Hao) kennen, der als Kind sein Augenlicht bei einem Unfall verlor und erst wieder Lebensmut schöpft, als er sich in eine Prostituierte verliebt. Dr. Wang (Guo Xiaodong) muss sich mit den Schulden seines Bruders herumschlagen, um Gefahr von seinen bedrohten Eltern abzuwenden und seine Verlobte Kong (Lei Zhang) macht sich Sorgen, weil sie weiß, dass ihre Eltern niemals einen blinden Ehemann akzeptieren werden. Während die Masseure in dem kleinen Salon ihrer Wege gehen, spitzt sich die Lage der Einzelnen immer mehr zu und wirkt sich letztlich auf alle aus.

Ich gebe ja zu, die Machart von Tui Na ist ziemlich überzeugend. Der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung ist nicht ganz weit hergeholt. Ich habe in letzter Zeit mehrere Filme gesehen, die versuchen, dem Zuschauer die Lebens- und Wahrnehmungswelt von Blinden näherzubringen. Die meisten nähern sich dem Thema über die Kamera-Arbeit an und rücken so nah an ihre Protagonisten heran, dass Haut und Textilien vermeintlich fühlbar werden. Regisseur Lou Ye wählt stattdessen in erster Linie den Weg über das Gehör. Er lässt selbst die kleinsten Nebengeräusche zu breiten Klangkulissen anschwellen und zeigt uns nicht selten den Ton lange bevor wir seine Quelle dann endlich auch auf der Leinwand zu sehen bekommen. Auf diese Weise sehen wir uns ganz ähnlich wie die Blinden in die Lage versetzt, die dargestellte Umwelt quasi hörend ertasten zu müssen. Eine Erzählerin liest derweil die visuell nicht existenten title credits vor und führt immer wieder durch das Geschehen. Ich bilde mir ein, dass Tui Na auch für Nicht Sehende ein Film ist, der als ganz eigenes Medium funktioniert.

© Travis Wei
© Travis Wei

Aber auch die Bilder korrespondieren mit der Inhaltsebene von Tui Na. Immer wieder verliert die Kamera für einen kurzen Moment den Fokus oder die Ränder der Bilder verschwimmen so sehr, dass wir die Augen zusammenkneifen müssen, um überhaupt noch etwas erkennen zu können. Diese Stilmittel imitieren allerdings weniger die schlechte Sicht der Protagonisten, deren Situation sie wahrscheinlich ohnehin nicht gerecht werden könnten. Vielmehr entsteht durch die orientierungslose Kamera ein atmosphärischer Sog, der uns immer tiefer in die schicksalhaften Verwicklungen von Tui Na hineinzieht. Die Blinden, die sich ihre Welt vorübergehend so eingerichtet hatten, dass sie sie problemlos bewältigen konnten, geraten nun aus dem Gleichgewicht. Sie leiden darunter, dass sie Schönheit nicht auf die gleiche Weise erfahren können wie die Sehenden, die sie als eine andere Spezies betrachten. Sie erfahren am eigenen Leib ihre vielfältige Benachteiligung, müssen ihre eigenen Definitionen für die sichtbare Welt finden und spätestens nachdem für meinen Geschmack ein wenig zuviel Blut geflossen ist, mutet der Massage-Salon ansatzweise an wie ein haunted house.

© Travis Wei
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Und das ist jetzt auch der Punkt, an dem ich wahrlich froh bin, dass ich mein kleines blaues Notizbuch dabeihabe, in das ich eifrig hineinkritzeln kann, ohne dabei auf die Leinwand sehen zu müssen. Dabei passiert dort im Grunde gar nichts so schlimmes. Das Gefühl von Horror entsteht vielmehr durch die dissonanten und ohrenbetäubenden Töne, die flackernden Lichter und ruckartiges Schwenks, die das Sichtfeld einschränken und böse Ahnungen heraufbeschwören. Währenddessen überlege ich tatsächlich, ob ich es vielen Zuschauern gleichtue und den Kinosaal vorzeitig verlasse. Mein angekratzter Stolz hält mich zurück und irgendwie frage ich mich mittlerweile, ob es tatsächlich etwas mit Schwäche zu tun hat, wenn man für sich entscheidet, dass man manche Dinge einfach nicht ertragen will. Nun, ich bin geblieben und kann im Nachhinein eigentlich gar nichts so fürchterlich Schlechtes an Tui Na finden. Auch wenn sich sicherlich darüber streiten ließe, wie viele Selbstverletzungen nun wirklich für das Verständnis des Films nötig waren. Ich bin froh, dass es vorbei ist.

Tui Na auf der offiziellen Berlinale-Website

3 Comments

  • 4 Jahren ago

    Grmpf, da saßen wir wohl in der gleichen Vorstellung… die mit dem dann doch nicht notwendigen Notarzteinsatz? — Mit TUI NA habe ich noch ein paar durchaus weitergehende Probleme, denn ich finde z.B. die Kamera- und Tonarbeit seltsam inkonsequent, nicht wirklich auf seine Protagonist_innen bezogen, und dadurch enorm verwirrend. Was okay sein kann, aber leider ist dann die Handlung auch noch unfokussiert, die blutigen Szenen scheinen mir zum Teil überdramatisch, zu viele und aufgesetzt. Ich war jedenfalls sehr enttäuscht, vor allem weil ich SUZHOU RIVER so liebe. Nunja.

    • 4 Jahren ago

      Na wunderbar, einmal mehr aneinander vorbeigelaufen. Was die Handlung und die blutigen Szenen angeht, habe ich ähnlich empfunden. Wobei ich mich schon gefragt habe, ob ich die Selbstverletzungen vielleicht einfach nur für übertrieben halte, weil ich sowas nicht gern sehe. Die Kamera- und Tonarbeit hingegen fand ich sehr passend, gerade weil es so eine passende Methode dafür war, Desorientierung visuell abzubilden. „Suzhou River“ kenne ich bisher noch gar nicht. Klingt aber gar nicht schlecht – danke für den Tipp!

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