FRANCOIS OZON: JUNG & SCHÖN

Manchmal sehe ich Filme, die ich nach dem Abspann erst einmal eine Weile sacken lassen muss. Dann bin ich sehr froh darüber, wenn mir keine unerbittliche Deadline im Nacken sitzt, wegen der ich mich sofort an eine Kritik setzen muss. Der neue Film Jung & Schön des französischen Regisseurs Francois Ozon war so ein Fall. Denn trotz einiger unbestreitbarer Schwächen hat mich etwas an dem Werk einfach so persönlich angefixt, dass ich der Meinung war, mir keine halbwegs distanziert-objektive Meinung darüber bilden zu können.

Isabelle (Marine Vacth) ist im positivsten Sinne das menschgewordene Klischee der typischen Französin: melancholisch, Raucherin und so schön, dass man fast nicht hinsehen kann. Kurz vor ihrem 17. Geburtstag erlebt sie ihr Erstes Mal mit ihrem deutschen Freund, und ist davon offensichtlich alles andere als begeistert. Umso ungewöhnlicher erscheint die Idee, die sie zu Beginn des neuen Schuljahres durchzieht ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Im Internet bietet sie sich fremden und vornehmlich wesentlich älteren Männern für Geld zum Sex an. In der eleganten grauen Bluse ihrer Mutter zieht sie fortan heimlich durch die Hotels der Stadt, um ihre Freier zu treffen. Ein besonderes Verhältnis entwickelt sie dabei zu Georges (Johan Leysen). Aber dann fliegt durch einen tragischen Zwischenfall ihr geheimgehaltenes Doppelleben auf.

© Weltkino
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Was ich an Jung & Schön so besonders faszinierend fand, war, dass sich Isabelle, die sich in ihrem Job Léa nennt, während der kompletten Laufzeit des Filmes in Schweigen hüllt. Bis zum Schluss bleibt unklar, wieso sich das junge Mädchen prostituiert. Schließlich hat sie doch alles: genügend Geld, eine weitgehend verständnisvolle Mutter, Freunde, Verehrer in ihrem Alter. Ein wenig macht sich Francois Ozon hier auch über den psychoanalytisch geprägten Zuschauer lustig, der eine Erklärung sogleich im abwesenden Vater und einem umgedrehten Ödipuskomplex sucht. Denn ehrlich gesagt, wäre eine solche Erklärung definitiv zu platt.

Jung & Schön sorgt aufgrund dieser Mystifizierung des weiblichen Geschlechts für reichlich Kontroversen. So argumentiert meine Kollegin Sophie von filmosophie.com beispielsweise, ihr fehle die Freude Isabelles an der Sache. Letztlich sei die junge Frau in dem Film doch wieder nur dazu da, die Gelüste der Männer zu befriedigen. Mir leuchtet diese Sichtweise durchaus ein, und doch kann ich sie nicht ganz übernehmen. Denn es zwingt ja niemand das Mädchen zur Prostitution: sie entscheidet sich aus freien Stücken selbstbestimmt dafür, ihren Körper zu verkaufen. In Interviews erklärte Marine Vacth gar, die Form der Rebellion sei im Grunde gar nicht entscheidend. Isabelle hätte genauso gut mit dem Konsum von Drogen beginnen oder exzessiv die Nächte durchfeiern können.

© Weltkino
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Auf Partys unter Gleichaltrigen wirkt die junge Frau aber angenehm deplatziert und vielleicht ist es das, was mich an Jung & Schön letztlich so angesprochen hat: dieses Gefühl, unter Seinesgleichen fehl am Platz zu sein. Nicht vollständig dazuzugehören und das auch gar nicht zu beklagen. Eine konkrete Intention für Isabelles ungewöhnliches Handeln brauche ich dabei gar nicht unbedingt. Denn mal ehrlich: können wir alle Entscheidungen rational begründen, die wir im Laufe unseres Lebens so treffen? Können wir vor allem Entscheidungen im Nachhinein nachvollziehen, die wir in emotional so unsteten Zeiten wie der Pubertät getroffen haben? Ich glaube nicht. Und deswegen darf Isabelle für mich auch gern ein wunderschönes Mysterium bleiben.

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  • 4 Jahren ago

    Ich muß hier gerade ins Blaue schreiben, weil ich den Film nicht gesehen habe. Aber es gibt sie ja öfter, die Filme, die spekulativ mit der weiblichen Sexualität umzugehen scheinen. Heimliche Spiele würde mir einfallen. Sleeping Beauty oder Studentin, 19, sucht…, vielleicht auch ein anderer Blickwinkel aus Kiss Daddy Goodnight oder die nicht uninteressante Serie Secret Diary of a Call Girl.
    Was du beschreibst interpretiere ich unbesehen angetrieben von einem ganz klaren Regelkostrukt, das mit der Prostitution verbunden ist. Außen vor gelassen, ob käufliche Liebe nun verachtenswert oder gesellschaftlich anerkannter als eine offen selbstbestimmte Frau ist, kann man doch eins erkennen. Durch die Geldübergabe gibt es ein ungeschriebenes Vertragsverhältnis. Das gibt der Protagonistin theoretisch gesehen eine Form der Kontrolle. Schließlich bestellt der Freier eine Dienstleistung und die Prostituierte willigt ein, diese zu erbringen. Wo gibt es dieses klare Einverständnis über eine sexuelle Handlung, nach der man sich idealerweise ohne weitere Gedanken an eine Verpflichtung trennt, im normalen Leben?
    Sicher ist das noch lange nicht alles. Es mag ein reizvolles Abenteuer sein. Es kann sie geistig überfordern. Es kann eskalieren oder sie kann sich doch verlieben. Es findet eine Verschiebung statt, aber dennoch bleiben Menschen unberechenbar. Vielleicht fühlt sie sich in ihrem Handeln einfach befreiter oder ungehemmter? Vielleicht, und da kommt der Vergleich zu den Drogen ins Spiel, gibt es ihr nicht nur Rausch, sondern eine Form der Geborgenheit?
    Das Leben ist doch das, die Suche nach dem Rausch, auch nach sich selbst und so sehr man ein Straucheln noch genießen mochte, so tut es doch gut in Arme zu fallen, die einen halten oder ein warmes Nest zu wissen, in welchem man sich sicher fühlt. Wenn der Film das als Wahrheit stehen lässt, so etwa lese ich dich, dann hat man auch nicht viel beizufügen, außer vielleicht Zwängen einer eigenen Moral. Und die sollte man sowieso stets flexibel genug halten, um seine Mitmenschen akzeptieren zu können.

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