LA PRIMA NEVE – FESTIVALKRITIK

Noch einmal habe ich in Ermangelung einer Akkreditierung und eines Flugtickets nach Venedig eben ein Online-Ticket gekauft, um im weltweit zugänglichen Sala Web der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica einen Festivalbeitrag zu sehen. La Prima Neve ist es geworden, ein Film des Italieners Andrea Segre. Schon in seinem Erstlingswerk Shun Li and the Poet nahm der sich der Thematik der Einwanderung nach Italien an.

Diesmal ist es der Togolese Dani (Jean Christophe Folly), der nach der Flucht aus seinem Heimatland in einem kleinen Alpendorf landet. Während einige der Bewohner bei seinem Anblick auch im Jahre 2013 traurigerweise noch zuerst an Kamele denken, sehnt sich Dani nach der lebhaften Großstadt, aus der er stammt. Und nach Laila, der Mutter seiner einjährigen Tochter Fatou, die bei der Geburt des Kindes starb. In Trentino arbeitet Dani nun bei einem alten Imker (Peter Mitterrutzner), der in der Vergangenheit ebenfalls Verluste zu beklagen hatte. Sein Sohn ist in den Bergen verunglückt, nur seine Schwiegertochter (Anita Caprioli) und ihr Sohn Michele (Matteo Marchel) sind ihm geblieben. Mit deren Verhältnis steht es allerdings auch nicht gerade zum Besten. Die Voraussetzungen für ein angenehmes Miteinander lassen zu wünschen übrig, aber es wird Winter im Tal. Der erste Schnee des Jahres rückt näher, und zu dieser Zeit bleibt den Dorfbewohnern nichts anderes übrig, als zusammenzuarbeiten.

© Parthenos
© Parthenos

Der erste Schnee, so lautet der übersetzte Titel des Filmes von Andrea Segre, und die meiste Zeit verbringen auch wir als Zuschauer damit, auf den Schnee zu warten. Stattdessen bekommen wir aber die meiste Zeit über die leuchtenden Farben des alpinen Laubwaldes zu sehen, und eine Kulisse, die manchmal mehr an das Fernsehen denken lässt als an einen Festivalfilm. Und auf noch etwas warte ich ehrlich gesagt: und zwar auf die große Innovation.

La Prima Neve läuft auf dem Festival von Venedig in der Sektion Orizzonti, die neue Trends und Tendenzen des „Weltkinos“ abbilden will. Das Werk von Andrea Segre zählt für meine Begriffe allerdings weder zum sogenannten „Weltkino“ (wobei ich den Begriff im Grunde generell ablehne), noch verwendet er erzählerisch oder stilistisch ein filmisches Mittel, das nicht auch schon x-mal an anderer Stelle zu sehen war. Da ist das Motiv der beiden Außenseiterfiguren, die sich zaghaft einander annähern, da ist die unwirtliche Berglandschaft als Kulisse für wahlweise raue Gefühlswelten oder eine Ahnung von Freiheit, der Konflikt mit einer dezent überforderten Mutter und eine altersweise Mentorenfigur.

© Parthenos
© Parthenos

So trägt sich La Prima Neve mal mehr, mal weniger unterhaltsam über seine anderthalbstündige Laufzeit und kulminiert schließlich doch im ersten Schneefall des Jahres, im ersten Schneefall in Danis Leben. Dass Andrea Segre mit seinem Film nicht versucht, das riesenhaft komplexe Thema afrikanischer Flüchtlingsströme nach Europa mit einem kleinen Film umfassend darzustellen, das rechne ich ihm an. Und trotzdem hätte ich mir mehr erhofft, Erhellenderes und eben Innovativeres.

Mir fallen bei dem Thema jedenfalls gleich zwei absolut gelungene Dokumentarfilme ein, die ich im Windersemester 2012/13 an der Uni Mainz zu sehen bekam. Junge Filmemacher mit Abschlüssen in Ethnologie hatten sich der Flüchtlingsproblematik darin direkt vor Ort angenommen: in den spanischen Exklaven Melilla und Ceuta, in denen Tag für Tag Boote mit illegalen Einwanderern ankommen. Die Trailer zu Im Land Dazwischen und Sag mir wann gibt es auf Vimeo.

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